Communism
Freitag, 2. Oktober 2015
Donnerstag, 1. Oktober 2015
"With the Masters in Absolute Control": Warum es in Deutschland nach dem Krieg eine Kulturrevolution geben musste
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| Teil des sowjetischen Triumphdenkmals in Budapest |
Das Buch von Charles Whiting ist im Grunde eine true crime novel über die Ermordung des ersten Bürgermeisters des befreiten Aachen, Franz Oppenhoff. Aachen war die erste deutsche Stadt, die den Amerikanern in die Hände fiel, überhaupt die erste deutsche Stadt, die seit über Hundert Jahren von ausländischen Armeen besetzt wurde. Nach einem endlosen, sinnlosen Verteidigungskampf, der die Stadt fast gänzlich zerstörte, versuchten beide Seiten auf ihre Weise am Beispiel Aachen, auch der Propaganda wegen, ein Exempel zu statuieren. Die Amerikaner taten dies, indem sie möglichst rasch eine deutsche Zivilverwaltung einrichteten, um zu zeigen, dass Deutschland unter ihrer Besatzung eine Zukunft haben würde. Die Deutschen hingegen drohten gerade diesen "Kollaborateuren" noch in den letzten Kriegsmonaten und von hinter der Front mit dem Tod.
Die Drohung wahr machen sollte ein "Werwolf"-SS-Kommando, welches per Fallschirm im belgisch-holländischem Grenzgebiet abgesetzt wurde. Am 25. März 1945 wurde Franz Oppenhoff ermordet - er endete tatsächlich "wie Rathenau", wie er es schon bei seinem Amtsantritt befürchtet hatte.
Franz Oppenhoff war eine interessante Figur. Aufgrund seiner katholischen Überzeugung hatte er sich immer geweigert, der NSDAP beizutreten, was gerade in seinem Beruf - er war Anwalt - seiner Karriere nur schaden konnte. Zunächst verteidigte er vor allem Priester und katholische Orden gegen nationalsozialistische Willkür, aber schließlich übernahm er auch das Mandat vieler verfolgter Juden, vor allem bei Fällen illegaler Enteignung.
Gerade auch weil die Amerikaner ihm vertrauten, könnte man jetzt erwarten, es handele sich bei ihm um einen 'lupenreinen Demokraten', einen Vertreter 'westlicher Werte', etc. Die Wirklichkeit sah anders aus:
"Since the war Franz Oppenhoff has been celebrated in his home town as a democrat, an ideal to be held up to the rest of the nation for emulation. Yet it is hard to believe that he was what an Anglo-Saxon would understand by 'democrat'. He was more a representative of his class, his religion and his time.Capt Saul Padover, an American professor of history (who was admittedly prejudiced), interviewed the new Chief Burgomaster just after his appointment. The sykewar officer attached to Bradley's 12th Army Group geve this picture of the German. 'On soical and economic subjects Oppenhoff was candid to the point of bluntness. I am not sure that he understood the implication of his ideas, or that Americans might view them with distrust as being aggressively anti-democratic, but at any rate he was not a practitioner of the art of concealment. 'The whole nation,' he said, 'can be divided into two categories, those who obey and those who command. Most Germans are afflicted with the sicknes of Kadavergehorsamkeit, obeying any order like robots, even against their innermost convictions. At the same time these cadaver-obeyers are full of suspicion against each other and hatred for those in authority. This disease, compounded of servile obedience and blind hate, explains Germany's class conflicts and the existence of forty political parties, which, before Hitler destroyed them all, were constantly at each other's throats. I can only hope and pray that the Americans are not going to be foolish enough to permit Germany to have political parties. Heaven help us if parties are allowed to exist. Dann ist alles aus.'''As a substitute for political parties, he favoured an authoritarian (but not totalitarian, a distinction without a difference) social structure, not unlike that of Mussolini, Franco, Pétain and such like. He wanted to see the establishment of a labour economy consisting of skilled artisans and divided into masters and apprentices, with the masters in absolute control. Workers were to be placed in fixed categories, without any right to political action or economic demands. No political organization of any kind was to be permitted. No trade unions were to be tolerated. Oppenhoff spoke with impassioned eloquence: 'I want to see a small-scale industry organized on paternalistic lines. An employer must have responsibility for his workers, as if they were members of his own family. If we set up such a system we would never have any need for agitations, votings or elections. This is my idea of democracy, true democracy.'"
Das also war der erste Bürgermeister einer befreiten deutschen Stadt nach dem Krieg. Viel interessanter als den Antiparlamentarismus finde ich dabei, dass er offenbar der Ansicht gewesen ist, die Organisation der Arbeitsverhältnisse sei die zentrale Stütze einer jeden Gesellschaftsform: So wie der Chef seine Arbeiter, so würde dann auch die Regierung die Gesellschaft im Griff haben. Bei Politik, vor allem bei rechter Politik, geht es immer um die Kontrolle ganz konkreter Personen in ganz konkreten Umständen. Vorlieben für bestimmte politische "Systeme" erwachsen daraus erst. Für Oppenhoff stand die Organisation der Arbeit absolut im Vordergrund - dass Männer ihre Familie im Griff haben sollen, stand für ihn offenbar nicht einmal in Frage.
(Witzig finde ich auch, dass er die heuchlerische Distinktion zwischen authoritären und totalitären Regierungen schon kennt - ich dachte immer, die sei erst im Kalten Krieg erfunden worden.)
Mittwoch, 30. September 2015
Die ungarische Verschwörung
Im Zug nach Ungarn, 3. September
Der Notstand steht erst bevor, 15. September
Endstation Serbien?, 24. September
Drei Artikel sind von mir im Migazin im September erschienen, jeweils Momentaufnahmen der sich schnell entwickelnden, oft ungewissen Situation in Ungarn und auch in Serbien. Außerdem gibt es noch zwei Blogposts, hier und hier.
Die ungarische Krise dieses Sommers, das zumindest hat die Regierung erreicht, ist mittlerweile vorbei. Gelöst ist sie natürlich nicht, sie wurde bloß an andere Orte verlegt, nach Serbien, nach Kroatien, nach Österreich und nach Deutschland - das habe ich persönlich schon daran gemerkt, dass die Ausreise aus Ungarn problemlos möglich war, unser Zug über Salzburg wegen der neuen deutschen Grenzkontrollen aber gestrichen wurde.
Irgendwo zwischen Passau und Regensburg saßen wir dann in einem völlig überfüllten ICE mit einer Gruppe Syrer, Libanesen, und Iraker zusammen. Ich hatte in den letzten Wochen viele Flüchtlinge getroffen, aber diese machten mir einen starken Eindruck, auch weil man sehen konnte, wie groß die Unterschiede zwischen den Flüchtenden aus dem Mittleren Osten sind. Man sagt ja immer, dass man bald wieder in Deutschland am Gebiss die soziale Schicht wird ablesen können, und so war es auch hier: Die Libanesen [rückblickend: keine Ahnung ob wirklich Libanesen. Vielleicht auch Syrer aus Damskus o.ä., die später im Libanon lebten, o.ä.] begrüßten uns mit einem strahlenden Erste-Welt-Grinsen und stellte sich tatsächlich als ziemlich wohlhabend heraus. Da ihr englischer Wortschatz begrenzt war, zeigte mir der eine Fotos und Videos aus dem Libanon: Seine schöne Freundin, seine Familie, sein Haus. Und immer und immer wieder: er selbst wie er in enger Badehose seine gestählten Muskeln präsentierte, nur unterbrochen von einem Video, das zeigt, wie er sich mit einem Haufen sonnenbebrillter Schränke (seine Freunde), laut Techno hörend, beim Grillen betrinkt. Und Gras raucht. Und sich betrinkt. Das war ihm sehr wichtig, dass ich verstehe, wie besoffen sie da waren.
Vielleicht hat das Universum diese Begegnung arrangiert, damit ich eine subtile Lektion über arabische Männlichkeitsrituale lerne, oder darüber, dass junge Menschen alle nur das gleiche im Kopf haben, egal woher sie stammen und welcher Religion sie vorheucheln anzugehören, um ihre Großeltern zu beruhigen. Oder aber die beiden haben einfach nicht bemerkt, was für eine Art Mensch ich bin (ein langweiliger Nerd nämlich), wegen dem kulturellen Graben und so, und dachten, ich würde mich einfach mit ihnen freuen, darüber, was für krasse Typen sie sind und wie gerne sie Schischa rauchen. Tatsächlich interessierte mich eher das Video, das sie auf der Überfahrt nach Griechenland im engen Gummiboot gedreht hatten, oder die Fotos vom türkischen Strand, wo ein halbes Dutzend dieser Boote bereit standen, um im günstigen Moment bestiegen zu werden. Aber das hätten sie nicht verstanden - was für eine merkwürdige Art der europäischen Dekadenz ist es auch, sich für diese Elendsbilder mehr zu interessieren, als für den Ferrari, den sie in Wien gesehen hatten? Und vor dem sie posierten wie die Möchtegern-Playboys, die sie waren? Oder das Sextape, dass einem von den zweien den ganzen langen Weg über den Balkan begleitet hatte und dass er natürlich unbedingt mit mir teilen musste. Auch seine Freundin war sehr hübsch, zugegeben, aber auch hier hätte mich eher interessiert ob sie im Libanon geblieben ist, ob er vorhabe, sie nach Europa nachzuholen... und auch hier blieben sie mir eine Antwort schuldig, als könnten sie einfach nicht verstehen, dass sich jemand für dieses deprimierende Detail interessieren könnte.
Der Notstand steht erst bevor, 15. September
Endstation Serbien?, 24. September
Drei Artikel sind von mir im Migazin im September erschienen, jeweils Momentaufnahmen der sich schnell entwickelnden, oft ungewissen Situation in Ungarn und auch in Serbien. Außerdem gibt es noch zwei Blogposts, hier und hier.
Die ungarische Krise dieses Sommers, das zumindest hat die Regierung erreicht, ist mittlerweile vorbei. Gelöst ist sie natürlich nicht, sie wurde bloß an andere Orte verlegt, nach Serbien, nach Kroatien, nach Österreich und nach Deutschland - das habe ich persönlich schon daran gemerkt, dass die Ausreise aus Ungarn problemlos möglich war, unser Zug über Salzburg wegen der neuen deutschen Grenzkontrollen aber gestrichen wurde.
Irgendwo zwischen Passau und Regensburg saßen wir dann in einem völlig überfüllten ICE mit einer Gruppe Syrer, Libanesen, und Iraker zusammen. Ich hatte in den letzten Wochen viele Flüchtlinge getroffen, aber diese machten mir einen starken Eindruck, auch weil man sehen konnte, wie groß die Unterschiede zwischen den Flüchtenden aus dem Mittleren Osten sind. Man sagt ja immer, dass man bald wieder in Deutschland am Gebiss die soziale Schicht wird ablesen können, und so war es auch hier: Die Libanesen [rückblickend: keine Ahnung ob wirklich Libanesen. Vielleicht auch Syrer aus Damskus o.ä., die später im Libanon lebten, o.ä.] begrüßten uns mit einem strahlenden Erste-Welt-Grinsen und stellte sich tatsächlich als ziemlich wohlhabend heraus. Da ihr englischer Wortschatz begrenzt war, zeigte mir der eine Fotos und Videos aus dem Libanon: Seine schöne Freundin, seine Familie, sein Haus. Und immer und immer wieder: er selbst wie er in enger Badehose seine gestählten Muskeln präsentierte, nur unterbrochen von einem Video, das zeigt, wie er sich mit einem Haufen sonnenbebrillter Schränke (seine Freunde), laut Techno hörend, beim Grillen betrinkt. Und Gras raucht. Und sich betrinkt. Das war ihm sehr wichtig, dass ich verstehe, wie besoffen sie da waren.
Vielleicht hat das Universum diese Begegnung arrangiert, damit ich eine subtile Lektion über arabische Männlichkeitsrituale lerne, oder darüber, dass junge Menschen alle nur das gleiche im Kopf haben, egal woher sie stammen und welcher Religion sie vorheucheln anzugehören, um ihre Großeltern zu beruhigen. Oder aber die beiden haben einfach nicht bemerkt, was für eine Art Mensch ich bin (ein langweiliger Nerd nämlich), wegen dem kulturellen Graben und so, und dachten, ich würde mich einfach mit ihnen freuen, darüber, was für krasse Typen sie sind und wie gerne sie Schischa rauchen. Tatsächlich interessierte mich eher das Video, das sie auf der Überfahrt nach Griechenland im engen Gummiboot gedreht hatten, oder die Fotos vom türkischen Strand, wo ein halbes Dutzend dieser Boote bereit standen, um im günstigen Moment bestiegen zu werden. Aber das hätten sie nicht verstanden - was für eine merkwürdige Art der europäischen Dekadenz ist es auch, sich für diese Elendsbilder mehr zu interessieren, als für den Ferrari, den sie in Wien gesehen hatten? Und vor dem sie posierten wie die Möchtegern-Playboys, die sie waren? Oder das Sextape, dass einem von den zweien den ganzen langen Weg über den Balkan begleitet hatte und dass er natürlich unbedingt mit mir teilen musste. Auch seine Freundin war sehr hübsch, zugegeben, aber auch hier hätte mich eher interessiert ob sie im Libanon geblieben ist, ob er vorhabe, sie nach Europa nachzuholen... und auch hier blieben sie mir eine Antwort schuldig, als könnten sie einfach nicht verstehen, dass sich jemand für dieses deprimierende Detail interessieren könnte.
Aber wer weiß schon, was sie wirklich dachten. Das ist eine der Lektionen, die ich in den letzten Wochen gelernt habe: Wie schwierig es ist, sprachliche Barrieren zu durchdringen. Ob jetzt in der Transitzone von Keleti oder im Flüchtlingslager von Belgrad: Selten war es möglich, mit den Flüchtlingen mehr als ein paar Worte gebrochenes Englisch zu wechseln. So kann man zwar einige Fakten erfahren, aber es ist fast unmöglich, Personen wirklich einzuschätzen. Das gleiche gilt in geringerem Maß sogar für die Ungarn: Zwar sprachen vor allem viele der Flüchtlingsaktivisten gutes Englisch und auch viele Medien berichten auf Englisch aus Ungarn (vor allem diese Seite war unverzichtbar für Übersetzungen ungarischer Texte), aber zwangsläufig kriegt man dabei nur eine einseitige Sicht der Dinge. Was die ungarische "Straße" denkt, die ja schließlich Orbán oder die erstarkende extrem-rechte Jobbik gewählt hat, ist so sehr viel schwieriger in Erfahrung zu bringen. Ungarn ist sehr leicht zu dämonisieren, und ich stimme bei der Kritik an Ungarn auch gerne mit ein, aber es ist trotzdem wichtig, dass wir verstehen, wie es zu der politischen Situation dort kommen konnte. Dazu ist es aber nötig, sich unvoreingenommen auf die Situation einzulassen. Ich hatte den Eindruck, dass die Regierung Orbán in der Berichterstattung der letzen Wochen oft weniger rational und einfach "böser" erschien als sie es tatsächlich war, einfach weil wir und unsere Medien sie gerne so haben wollten. Tatsächlich war Orbán, das muss man ihm zu Gute halten, einer der Akteure, der seine Position am klarsten gemacht hatte und bis zum Ende mit großem Erfolg an ihr festhielt und dafür auch in Ungarn politisch großen Zuspruch erntete. Er sitzt jetzt fester im Sattel als je: Die linke Opposition kann sich nicht zu einer klaren Haltung in der Flüchtlingskrise durchringen, wirkt also irrelevanter und bedeutungsloser als je zuvor, und seiner rechten Konkurrenz Jobbik hat er fürs erste den Wind aus den Segeln genommen. Dass er dafür aus dem Ausland viel Kritik einstecken musste, interessiert in Ungarn keinen Menschen, sondern macht ihn, ähnlich wie westliche Kritik an Putin, bei der konservativen Mehrheit höchstens noch beliebter.
Bei Souciant schrieb ich außerdem einen zweiteiligen Artikel (eins und zwei) über den politischen und europäischen Kontext in dem die ungarische Regierung handelte - und den sie sehr erfolgreich manipulierte. Das folgende Fazit ist schon ein wenig von den Ereignissen überholt, aber in vielem trifft es noch zu: Die Quotenregelung, wie sie von Deutschland und der Europäischen Kommission vertreten wurde, ist zwar durchgesetzt worden, Ungarn ist es aber gelungen, sich von ihr auszunehmen. Orbán muss gerade ein glücklicher Mensch sein: Er hat uns erst dazu gezwungen, Tausende Flüchtlinge aus Ungarn zu akzeptieren, um dann schließlich doch die Grenzen zu schließen. Jetzt ist der Weg bereitet für eine repressive Lösung der Flüchtlingsfrage auch auf europäischer Ebene, nur dass dieses mal - anders als bisher - nicht die Peripheriestaaten die Verantwortung übernehmen müssen, sondern auch Nordeuropa. Die deutsche Unschuld - an Bahnhöfen applaudieren, aber nichts davon wissen wollen, was an der europäischen Außengrenze passiert - die ist jetzt vorbei, und fast kann man Orbán dazu gratulieren, dass er unsere Selbstgefälligkeit auf die Probe stellt. Wie auch immer das neue europäische Grenzregime aussehen wird - das ist jetzt unsere Verantwortung (und war es natürlich schon immer).
When they [the refugees trapped in Budapest] decided, that Friday, to start marching towards the border in order to force a solution, they were certainly not acting on a whim. Instead, they made a calculated, collective tactical decision – they put a pistol to their heads and dared the European community to pull the trigger. And they succeeded. Even the Hungarian government was forced to send buses to transport them to the border, while at the same time, I am certain, lobbying behind the scenes for the Germans to accept them. It is ironic, however, that in this, the brave refugees of Keleti could be said to have worked in collaboration with the Hungarian government, which had always treated them so badly. Until Thursday, as refugees were still arriving at Budapest, and no solution was in sight, Martin Schulz was still correct when he said that a quota-system would also bring relief to Hungary. But now that Germany and Austria had had no other option but to open their borders, Hungary’s negotiating position in the upcoming talks was strengthened, making it more and more unlikely that it will be won over to a new quota-system – or at least a type of quota system which would put some of the burden on itself.
Just read the declaration by the Austrian Chancellor Faymann that day, in which he announced – on Facebook of all places – that the marching refugees would be allowed to cross the border. The final phrases read:
“Apart from this we expect Hungary to fulfill its European obligations, including the obligation to fulfill the Dublin-agreement. At the same time, we expect Hungary to be willing to solve / manage the existing burdens on the basis of the plan for the fair distribution of refugees as well as the emergency-mechanism, which are being pursued by the European Commission, and to which we today make a contribution.”Faymann is desperately trying to spin his and Germany’s actions as a step towards the new quota-system of shared responsibility among all European countries that they are trying to put forward together with the European Commission in the coming weeks. I have great doubts, however, that the Hungarians saw it this way. As much as the Hungarian government is making angry noises at Germany and Austria for “making irresponsible promises,” they were very happy to see their country emptying out of refugees – while at the same time busily militarizing their border further.
In many ways, the current situation is similar to the Greek crisis, which has been, or seems to have been, resolved this summer. As with Greece, an untenable, dramatic crisis had first to be manufactured before a way forward could be found. Even the famous Varoufakis phrase “extend and pretend” describes perfectly the way in which strategically and opportunistically many still cling to the “European rules” of the moment, knowing full well that these rules are the problem and new ones will have to be created.
Once again, Europe is unable to overcome its divisions and find a functioning and lasting solution in the spirit of European and international solidarity. Instead, we let a bad situation get worse, and make the nationalist, selfish, and xenophobic solutions seem more rational by the day. Because that is, apparently, how we do things now in Europe. The victims of this are, of course, the refugees.
Donnerstag, 3. September 2015
Ein deutsches Problem in Ungarn.
Demonstration heute Abend vor dem Parlamentsgebäude.
Hier in Budapest bleibt die Lage verfahren. "Das Problem ist ein Deutsches Problem", kein Europäisches, denn die Flüchtlinge wollen nach Deutschland, sagte der ungarische Präsident Viktor Orbán heute in Brüssel. Jetzt wollen zwar einige EU-Staaten, allen voran Deutschland, das Problem mittels einer Quotenlösung wieder in ein ganz Europa betreffendes verwandeln, aber es ist fraglich, ob dies schnell genug passieren kann, um die seit einigen Tagen wachsende Krise in Budapest zu lösen. Tausende Flüchtlinge weigern sich - aus guten Gründen, wenn auch gegen den Geist des Gesetzes - in Ungarn in den Lagern zu verschwinden, sondern werden nichts anderes akzeptieren, als die Weiterreise in den Westen. Die Entscheidung der ungarischen Regierung, einigen Zügen die Abreise zu erlauben, sie dann aber in der Nähe von Budapest anzuhalten, hat nur zu einem neuen, und vielleicht noch dramatischeren, stand-off geführt, nun eben in Biscke anstatt vor Keleti. Der Verlauf des heutigen Tages ist hier gut dokumentiert.
Wenn man sich die Verlautbarung der ungarischen Bahn von heute Morgen anschaut, kann man den Flüchtlingen nicht übelnehmen, dass sie den Eindruck hatten, ihnen werde wie am Montag schon die Ausreise erlaubt. Dass dann die Züge nach einigen Kilometern gestoppt wurden, um sie dort, mittlerweile unter Ausschluss der Presse, zu räumen, war also entweder eine gemeine Finte - oder schlicht eine Fehlkalkulation seitens der Polizei, die erwartet hatte, dass die Flüchtlinge in kleineren, isolierten Gruppen kooperieren würden. Eine Lösung ist also immer noch nicht absehbar: Die ungarische Regierung setzt auch mit dem bald erlassenen neuen Einwanderungsgesetz auf Abschreckung und eine Verschärfung der Kontrollen und der Kriminalisierung - und die Preise der Schlepper steigen dank der gestiegenen Nachfrage immer weiter.
Ich glaube immer noch, dass Orban eine Zuspitzung der Situation gerne in Kauf nimmt, dass er selbst die dramatischen Bilder von heute Nachmittag begrüßt. Denn erstens kann er damit die xenophobische Stimmung seiner Basis bedienen, welche vor allem nach Härte und Abschreckung ruft. Und zweitens kann er darauf spekulieren, dass Westeuropa bald diese Zustände nicht mehr hinnehmen wird und für eine Entlastung Ungarns sorgen wird, und sei es mittels der Öffnung der Grenzen für die in Ungarn festsitzenden Flüchtlinge. Ungarn möchte nicht wie etwa Italien als Grenzstaat mit der Flüchtlingslast allein gelassen werden, viele möchten am liebsten gar keine muslimischen Flüchtlinge aufnehmen - eine Eskalation der Situation ist deshalb sogar wünschenswert, denn erstens dient sie der Abschreckung und zweitens zwingt sie Westeuropa dazu, schnell zu akzeptieren, dass die meisten Flüchtlinge dort enden werden und nicht nach Osteuropa verteilt werden können. Aus der Neuverhandlung des Dublin-Systems ist eine Art internationales Game of Chicken geworden: Wer zu erst Schwäche zeigt, verliert. Und die ungarische Regierung ist offenbar zu einigem bereit. Gerade meldete die ZEIT etwa, dass sie das Angebot des UNHCR abgelehnt hat, ihr bei der Versorgung der gestrandeten Flüchtlinge zu helfen. Mehrere Tausend Menschen vor Keleti werden also auch morgen nur von wenigen Freiwilligen versorgt werden.
Dass Orban sich sicher fühlen kann, dass die meisten Ungarn seinen harten Kurs mittragen werden, habe ich leider bei der heutigen Demonstration gegen seine Flüchtlingspolitik erahnen können. Natürlich fand zum selben Zeitraum die Demonstration der Flüchtenden am Bahnhof statt, aber trotzdem war ich überascht davon, wie wenige Menschen vor dem Parlament zusammen kamen, um gegen Orbans Politik zu protestieren. (Motto: "Not in my Name".) Es war eine sehr ruhige Veranstaltung, und schnell vorüber. Die meisten Demonstranten schienen im mittleren Alter. Wenn man sich dagegen ausmalt, was in Deutschland, in Berlin erst mal, an (militanten) Demonstranten auf der Straße wäre - ich will die Beobachtung von heute abend nicht überbewerten, aber es scheint mir, als habe die Regierung in Ungarn keine starke linke Opposition.
Mittwoch, 2. September 2015
Eindrücke aus der Transitzone
(Mit Entschuldigung für die schlechten Fotos. Auch ein Video konnte ich nicht hochladen, welches die eindrucksvoll-lautstarken Demonstranten zeigt, vielleicht später noch...)
Für die Flüchtlinge in
Keleti, dem Hauptbahnhof von Budapest, ist es eine grausame Situation: Nachdem am Dienstagmorgen
plötzlich, ohne Ankündigung, ohne Erklärung, einigen Hundert
erlaubt wurde, Züge nach Deutschland zu betreten, waren die
mittlerweile mehreren Tausend Flüchtlinge, die den Bahnhof de facto in ein
Flüchtlingslager verwandelt haben, voller Hoffnung. Durch die
Türkei, durch Griechenland, durch Mazedonien, durch Serbien und
schließlich über die befestige ungarische Grenze hatte sie ihr Weg
bereits geführt. Anstatt aber dann in einem der Gefängnisartigen und international immer wieder heftig kritisierten ungarischen Lager zu verschwinden, anstatt von der
ungarischen Polizei unter Vorwänden wieder nach Serbien ausgewiesen
zu werden (es wird oft berichtet, dass die ungarische Polizei jeden
Vorwand zur Kriminalisierung nutzt), haben sie sich weiter auf den
Weg gemacht. Dabei sind sie auch angezogen von dem deutschen
Versprechen, oder eher der Verlautbarung des BAMF (Bundesamt für
Migration und Flüchtlinge), für syrische Flüchtlinge, die bereits
in Ungarn Asyl beantragt haben, das Dublin-Verfahren auszusetzen, sie
also nicht wieder auszuweisen, sondern ihnen in Deutschland Asyl zu
gewähren. (In gewisser Weise hat das BAMF damit nur die
Realität anerkannt, dass die ungarischen Behörden selbst schon
lange Zeit versucht hatten, diese Rückführung nach
Dublin-Verordnung zu sabotieren, indem sie die Kooperation mit den deutschen
Behörden so lange "verlangsamten", bis die Frist für die
Rückführung abgelaufen ist, bzw. das oft schon aus rechtlichen Gründen vorher eine Rückführung nach Ungarn nicht möglich war. Was noch aussteht, und meiner Meinung überfällig ist, ist eine Anerkennung
seitens der deutschen Behörden, dass die Zustände in Ungarn ähnlich
unzumutbar sind wie etwa in Griechenland, und eine Rückführung
deshalb für alle Flüchtlinge ausgesetzt werden müsste.)
Am Dienstag aber gab es Hoffnung auf ein baldiges Ende der Flucht. Viele hatten sich Zugtickets
gekauft und erwarteten, endlich diese würdelose Zwischenstation so
kurz vor dem sicheren Hafen überwunden zu haben, endlich die
improvisierten Lager in der U-Bahn-Station des Budapester Bahnhofes
verlassen zu können, wo sie ohne staatliche Unterstützung vor sich
hin vegetierten.
Dann am Nachmittag die
Enttäuschung: Alle Züge wurden angehalten und für einen Moment
stand der Bahnhof still. Die Polizei, die sich bis dahin vom Bahnhof
zurückgezogen hatte, begann damit, das gesamte Bahnhofsgebäude zu
räumen. Anstatt die Kontrollen in den Zügen wiederaufzunehmen,
richtete sie jetzt an den Eingängen Passkontrollen ein: Nur
EU-Bürgern oder Ausländern mit gültigen Papieren war der Zutritt
erlaubt.
Spontan formierte sich
eine Demonstration der Flüchtlinge. Als ich am Abend zum Bahnhof
kam, hatten sie schon seit Stunden vor dem Haupteingang ausgeharrt,
eine Sitzblockade errichtet und das Recht auf die Weiterfahrt
verlangt. Ich hatte eine wütende Stimmung erwartet, aber davon war
nichts zu merken. Auf dem riesigen Bahnhofsvorplatz lagerten überall
die Familien, saßen auf Pappabdeckungen herum, hatten Zelte
errichtet. Überall spielten Kinder. Man sah den Menschen an, dass
sie schon einen weiten Weg hinter sich hatten und auch das Warten
gewohnt waren.
(Video)
Die Demonstration vor dem
Haupteingang war in einer kämpferischen Stimmung, aber aggressiv war
sie nicht. Laut riefen Anführer Parolen in ein Megafon, laut schlugen die meist jungen Demonstrierenden im Takt Plastikflaschen aneinander.
"Germany!", schrien sie, dann wieder "Syria"
Syria" Syria!" "Euorpe don't let us become victims of
smugglers", stand auf einem Schild. Es war erstaunlich wenig
Polizei vor Ort, obwohl neben dem Bahnhof noch zahlreiche Einheiten
warteten. Der Bahnhof wurde zwar förmlich belagert, war umringt von
Tausenden von Menschen, aber niemals drohte die Stimmung zu kippen. Es war auch klar, woran das liegt: Nicht nur an der guten Organisation der
Demonstrierenden selbst, die von mit Walkie-Talkies bestückten Aktivisten
unterstützt wurden, sondern auch an der Gelassenheit, der
Freundlichkeit der Flüchtenden. Geradezu herzlich wurden die paar
Ungarn oder Touristen vor Ort behandelt, ebenso rücksichtsvoll die
internationale Presse, die direkt vor der Blockade ihre Kameras
aufgestellt hatte. Zum Ende des Abends, gegen elf, würden die
Demonstranten stiller werden und schließlich sogar mit Besen den
Vorplatz fegen.
Für den einzigen
Zwischenfall sorgte die Gegenseite. Mir war schon gleich - wie
ich so in der Nähe des Korrespondenten der ARD herumlungerte, um zu
hören, was er in die Kamera sagen würde - eine Gruppe von
merkwürdigen jungen Männern aufgefallen, die irgendwie fehl am
Platz wirkte: Ein Typ im Kampfanzug, die Arme gespreizt, als hätte
er Rasierklingen unter den Achseln. Brutal aussehende Typen mit großen,
schwarzen Stiefeln, die Witze rissen und eine Weinflasche
herumreichten. Ein bleicher, dürrer Jugendlicher, der sich verhielt,
als sei er auf Speed, und nicht aufhören konnte, sich mit seinen langen Fingern durchs Gesicht zu reiben (wirklich).
Und tatsächlich, kaum waren zu einer ausreichend großen Meute angewachsen, oder hatten den nötigen Alkoholpegel erreicht, da packte einer von ihnen die ungarische Flagge aus und begann herumzubrüllen. Sie schrien auf ungarisch, natürlich, aber einen Spruch verstand ich doch ganz gut. Er reimte sich auch: "SA! SS! // RUDOLF HESS!"
Sofort waren sie von der Presse umringt, denen sie glücklich ins Gesicht schrien. Sofort waren auch die ungarischen Freiwilligen zur Stelle, um den ein oder anderen Demonstranten daran zu hindern, sich die Schreienden aus der Nähe anzusehen. Es waren merkwürdige Gestalten, abwechselnd geradezu cholerisch wütend, dann wieder in einer obszönen, provozierenden Feierstimmung am Witze reißen. Spielt sich zwischen diesen beiden Polen die Existenz der echten Straßennazis ab?
Aber auch diese Situation entspannte sich schnell, als klar wurde, dass keine Gefahr von den Faschisten ausging – obwohl es trotzdem erstaunt, dass es über eine halbe Stunde dauerte, bis ein einzelner Polizist zur Stelle war, um sich das alles aus der Nähe anzuschauen. Erst später bemerkte ich, dass sich um die Ecke eine Reihe von mit Schlagstöcken bewaffneten Polizisten aufgestellt hatte, nur für den Fall. Aber auch sie waren bald wieder verschwunden.
Eine ungarische Frau
stellte sich dann der Gruppe entgegen und begann laut und ausdauernd
mit ihnen herumzudiskutieren. Überhaupt war für einige beteiligte
Ungarn dieses Erscheinen eines konkreten Gegners, dem man ein paar
wütende Sätze zuwerfen konnte, offenbar sehr erleichternd. Denn die
Gegenseite, an die man sich ja eigentlich richtet, blieb wie bei
jeder Demonstration abwesend und gesichtslos, die Polizisten kühl,
unbeteiligt, distanziert. Wenn die ungarische Regierung sich weigert,
auch nur die Forderungen der Flüchtlinge zu kommentieren, geschweige
denn mit ihnen in den Dialog zu treten, was bleibt einem dann noch?
(I LOVE GERMEN - OPEN THE DOOR)
Später schlenderte ich
dann kurz durch den Bahnhof. Es gab nur zwei kleine Seiteneingänge, die noch geöffnet waren,
doch selbst um zu diesen zu gelangen, musste man einige Polizeiketten
durchqueren. Dank meiner blonden Haare würdigt mich keiner der
Polizisten auch nur eines Blickes. Niemand fragt nach meinen
Papieren.
Der Bahnhof war zu dieser Uhrzeit bis auf die herumlungernde Polizei fast menschenleer, aber der Fahrbetrieb ging offenbar ganz normal weiter. Nur die U-Bahn-Station, welche zur zeitweiligen Heimat der Gestrandeten geworden ist, war durch Gitter versperrt.
Draußen begannen sich die Menschen auf eine weitere Nacht in der Transitzone vorzubereiten. Aus einem Supermarkt wurden Pakete von Wasserflaschen herangeschleppt. Aus einem Van verteilte eine völlig überforderte, seit Tagen am Limit arbeitende Freiwilligengruppe (vermutlich MigrationAid) Essen, vor allem Obst. Bis heute gibt es für die mehreren Tausend Flüchtlinge am Bahnhof keine Unterstützung von der Stadt oder vom Staat. Nur ein Wagen des Malteser-Notdienstes war vor Ort, umringt von hilfesuchenden Familien mit kleinen Kindern. Immer wieder hört man die Frage: Wo ist Orban? Wo ist der Staat? Fühlt sich niemand verantwortlich? Warum ist nur die Polizei vor Ort? Wäre so eine Situation in Deutschland überhaupt denkbar, ohne dass die Regierung zumindest in Kontakt mit den Demonstranten tritt?
Zuletzt bin ich mit einem
Journalisten eines kurdischen Newsservice / Fernsehsenders ins
Gespräch gekommen. Er sah unfassbar müde aus, denn seit zehn Tagen
hatte er mit seinem Kamerateam die Flüchtlinge begleitet, seit zehn
Tagen, sagte er, habe er die gleiche Hose an. Er hatte sich ihnen auf
einer griechischen Insel angeschlossen, er hatte mit ihnen Mazedonien
durchquert und es irgendwie durch Serbien und über die kürzlich
befestigte ungarische Grenze geschafft. Und jetzt war er mit ihnen in
Keleti und hatte sich, wie die Flüchtenden auch, versprochen, dass
seine Reise erst mit ihnen in Deutschland zu Ende sein würde.
Er war auch Deutscher und
vielleicht nahm er sich deshalb die Zeit, kurz mit mir zu reden,
obwohl er kurz vor der Live-Schaltung stand und obwohl ihn immer
wieder Menschen auf Arabisch ansprachen, die sich von ihm eine
Erklärung der Situation erhofften. Ich hatte gar nicht begriffen,
dass er Deutscher war: Er sah arabisch aus, stammt aus dem
(kurdischen) Irak und erklärte auf Englisch mit einer
bewundernswerten Geduld zwei naiven ungarischen Teenagern, wie
verfahren, wie schwierig die Lage im Mittleren Osten wirklich ist -
und warum der Westen sich nicht so einfach aus der Verantwortung
stehlen kann. Ich hatte mich nur dazugestellt und die Diskussion
verfolgt, als er mich plötzlich in fließendem Deutsch ansprach und
mir von seinem Journalistik-Studium in Köln erzählte. Vielleicht
hatte er auch deshalb den skeptischen jungen Ungarn so überzeugend erklären können, dass die Flüchtlinge in Europa vor allem eine
Zukunft suchen, keine Almosen, weil er eben seine eigene Erfahrung
beschrieb.
Ich fragte ihn, warum die
ungarische Polizei am Morgen überhaupt den Flüchtlingen erlaubt
hatte abzureisen - warum sie plötzlich die Kontrollen eingestellt
hatte, nur um sie dann am Nachmittag umso härter wieder einzusetzen.
Gab es eine Logik hinter diesem Verhalten, oder war es ein reines
Fehlverhalten der Polizei? Auch er wusste keine Antwort.
Ich bin mittlerweile
überzeugt, dass der plötzliche Rückzug der ungarischen Polizei aus
dem Bahnhof sehr bewusst angetreten wurde, dass es eine kalkulierte
Aktion gewesen ist, ebenso wie die folgende Räumung die damit
provozierte verfahrene Situation heute. Die ungarische Regierung
versucht offenbar irgendwie die anderen EU-Staaten dazu zu zwingen,
ihnen die Verantwortung für die Flüchtlinge abzunehmen – und da
kommt ihnen eine so dramatische Situation wie jetzt am Bahnhof Keleti
ebenso gelegen wie die immer wieder auftauchenden Berichte über die
unwürdige Situation in ungarischen Camps. Das ist die zynische Kalkulation. Die ungarische Regierung,
das hat sie in den letzten Monaten ausreichend bewiesen, hat kein
Problem damit, eine unhaltbare Situation sogar noch zu verschlimmern.
Die europäische Öffentlichkeit aber schon, und irgendwann wird sie
nachgeben und Ungarn erlauben, den Flüchtlingen die Weiterreise zu genehmigen. Sogar die New York Times hat kürzlich
gefordert, endlich die Dublin-Regelung aufzuheben. Die ungarische
Regierung spielt auf Zeit – und nimmt es bewusst in Kauf, dass die
Lage der Flüchtlinge in ihren Grenzen immer schlimmer werden wird.
Heute hat die Organisaton
MigrationAid zu einer Demonstration
vor dem Parlament aufgerufen, um endlich die Regierung dazu zu
zwingen, ihre Verantwortung zu übernehmen. Auch vor dem Bahnhof ist
die Situation wie gestern: die Polizei erhält die Blockade aufrecht,
die Flüchtlinge demonstrieren. Noch ist keine Lösung in Sicht.
Dienstag, 11. August 2015
Informationskrieger unter sich
Während meines Auslandssemesters in England habe ich manchmal Russia Today geguckt, weil es eben lief und weil ich es nicht kannte. Es war auch sehr unterhaltsam. Die Moderatorinnen waren wunderschön, es gab da diesen exaltierten, etwas verrückten Finanzexperten namens Max Keiser und ab und zu wurden tatsächlich lange Schlangen vor amerikanischen Suppenküchen gezeigt, oder Reportagen aus Zeltstädten unter Clevelander Autobahnzubringern. Da kann man nie genug von kriegen, vor allem wenn die Alternative in britischen reality shows besteht. (Auf die komme ich noch zurück...)
Der russische "Informationskrieg" ist gerade ein ziemliches Modethema, klar. In unserem unüberwindbaren Narzissmus interessiert uns dabei selten die unglaublich spannende Frage, wie die mediale und politische Landschaft in Russland selbst aussieht, was also gerade mit diesem Land und seiner Bevölkerung passiert, sondern eher das - meiner Meinung nach - ziemlich belanglose Phänomen des russischen "Informationskrieges" im und gegen den Westen: Angeworbene "Troll-Armeen", zum Beispiel, die den bis dahin so unglaublich niveauvollen Diskurs in Online-Kommentarspalten vergiften und gemeinsam mit einem recht billig gemachten Nachrichtensender den hybriden Krieg in die verwirrten Köpfe des westlichen Publikums tragen. Ich bin ja noch jung, ich erinnere mich daran nicht, aber offenbar gab es einmal eine Zeit, in der internationale Konflikte immer völlig unkontrovers, nüchtern und mit verlässlichen Informationen in der Öffentlichkeit diskutiert wurden - erst der russische Propagandakrieg hat anscheinend dieses Idyll zerstört.
Ich finde das uninteressant. Ich habe immer das Gefühl, dass da einige ältere Journalisten viel zu wichtig nehmen, was im Internet passiert und dazu noch die Bedeutung vollkommen überschätzen, welche die internationalen Medien für die russische Regierung besitzen. Was kostet RT? Was kosten ein paar Studenten in einem Bürogebäude am Petersburger Stadtrand, die ideologische Kommentare auf Englisch posten? Sieht so wirklich eine bedrohliche "Informationskriegs"-Strategie aus?
Ich könnte mir zumindest vorstellen, dass Wladimir Putin von dem mittlerweile berühmten "House of Trolls" selbst erst aus der New York Times erfahren hat - und einfach nur belustigt den Kopf schüttelte, bevor er sich wieder wichtigeren Dingen zuwandte.
Aber es ist eben - im Gegensatz zur Recherche in Russland oder der Ukraine selbst, wo die echte Propagandaschlacht geschlagen wird - eine leichte story und deshalb wird sie immer wieder aufgewärmt. Sie ist unterhaltsam und gut für das westliche Journalisten-Ego, vor allem aber hat sie den klaren Vorteil, dass es in ihr um uns geht. Und wir sind schließlich das interessanteste an Russland, oder?
Die story des russischen Informationskrieges, der an den Grundfesten unserer Ordnung nagt, ähnelt ein wenig der von Alexander Dugin. Dieser fast comichaft nach "dämonischer Russe" aussehende Philosoph, dessen neofaschistische Ideologie eines eurasischen Imperiums so schön und exotisierend die Machtpolitik Russlands erklären hilft, wird immer gerne zu einem Artikel verwurstet, besitzt aber in Russland selbst keinen echten Einfluss. Und auch hier in Deutschland performt er eher auf kleinen, burschenschaftlichen Bühnen. Unter Journalisten aber, die vielleicht selbst kein russisch sprechen und in Russland niemanden kennen, trotzdem jedoch einen Artikel produzieren wollen, der einen "faszinierenden Einblick in die Gedankenwelt des neuen Russlands" gewähren soll - da ist er sehr beliebt. Aber wer könnte so einem Denkerbart auch widerstehen?
Worauf ich hinauswill (und ich befürchte ein solches caveat ist bei diesem Thema notwendig): Kritik an der Propaganda der russischen Medien ist ein sehr wichtiges, auch sehr interessantes Thema. Es kann aber auch dazu missbraucht werden auf billige, exotisierende Weise Russland als Gegensatz zum wunderbaren, aufgeklärten Westen aufzubauen - also im schlimmsten Fall dämonisierend dem tödlichen Lagerdenken der aktuellen Situation in die Hände zu spielen. Und zu diesem Zweck wird sie auch - da sollte man sich keine Illusionen machen - von einigen eingesetzt. Man sollte also sehr gründlich und vor allem sehr ehrlich und auch selbstkritisch sein, wenn man sich dem Thema annimmt.
Bei einem so sensiblen Thema kommt es eben schon auf Kleinigkeiten an, wenn man seine Glaubwürdigkeit behalten möchte. Zum Beispiel dieser Artikel von Michael Thumann in der ZEIT. Inhaltlich ein ziemlicher Standard des Genres, gar nicht mal so alarmistisch, dafür mit interessanten Zahlen darüber, wie sich die Einstellungen der russischen Bevölkerung zum Ausland in den letzten Jahren verändert haben. Gut, komisch vielleicht, dass der Propaganda-Action-Film aus dem ersten Absatz offenbar keinen Namen hat, man sich also nicht selbst mal einen Trailer ansehen kann. Und auch irgendwie schade, dass Thumann zwar offensichtlich beim russischen Staatsfernsehen in der Kantine zu Mittag gegessen hat, aber niemanden ihm ein Interview geben wollte. Nur an einem Punkt bringt Thumann ein Zitat aus einem Interview mit einem Vertreter des russischen Staatsfernsehens - dieses hat er allerdings nicht selbst geführt, sondern ein gewisser "TV-Reporter Peter Pomerantsev":
Ihre Sender sollen die "russische Sicht" in die Welt tragen. Was das sei, fragte der englische TV-Reporter Peter Pomerantsev, der früher bei Moskauer Fernsehkanälen arbeitete, den geschäftsführenden Redakteur von RT. "Es gibt immer einen russischen Standpunkt", antwortete der Redakteur. Und erklärte das anhand einer Banane. "Für den einen ist sie etwas zu essen. Für einen anderen ist sie eine Waffe. Für den Rassisten ist sie ein Instrument, um Schwarze zu ärgern." Alles sei möglich. Es gebe einfach keine objektiv eindeutige Sicht darauf, was eine Banane sei, sagte der RT-Mann. Und so wie die Banane krumm ist, biegen sich diese Sender die Wahrheit zurecht. Das ist die Essenz des "russischen Standpunkts".Eine Quellenangabe für dieses Interview, welches - denkt man sich bei einem "TV-Reporter" - sicher irgendwann im Fernsehen lief, gibt es leider nicht. Dafür kommt Thumann an einer späteren Stelle noch einmal auf Pomerantsev zurück und erklärt, dass dieser als Journalist für das russische Staatsfernsehen angeworben wurde, um diesem zu helfen, "in den Westen vorzudringen." Hier das ganze Zitat:
Moskauer Sender haben Kohorten westlicher Journalisten eingestellt, um in den Westen vorzudringen. Peter Pomerantsev war nur einer von vielen.
Zuletzt hat Pomerantsev aber offenbar ein Interview mit dem geschäftsführenden Redakteur von RT geführt hat, welches Thumann ohne Quellenangabe dankbar zitiert.
Ich kann mir nicht helfen, aber ich finde es etwas manipulativ, sich derart auf Pomerantsev zu berufen, aber so gar nicht zu erklären, um wen es sich da genau handelt. Das fängt schon an mit der Bezeichnung "TV-Reporter". Tatsächlich hat Pomerantsev etwa zehn Jahre lang beim russischen Fernsehen gearbeitet - soweit ich weiß aber vor allem als Produzent, der die bereits zu Anfang erwähnten britischen reality-TV-show-Formate auf den russischen Markt zuschneiderte. Auch Dokumentatarfilme hat er produziert - aber immer eben für ein russisches Publikum. Möglicherweise hat er auch tatsächlich als Journalist gearbeitet, dann würde die Bezeichnung zutreffen - in jedem Fall aber war er nicht Teil der gegen den Westen gerichteten Medienstrategie, sondern ganz einfach ein Fernsehproduzent, der, das hat er selbst so formuliert, ausnutzte, dass russische Fernsehmacher einen riesigen Respekt vor allem haben, was aus London kommt - besonders vor den reality shows. Einfach nur weil er Brite sei, habe er fast ohne Erfahrung beim russischen Fernsehen Karriere machen können. Seine echten Ambitionen lagen offenbar woanders, denn kaum hatte er 2010 genug von seinem Job, begann er seine zweite, weitaus erfolgreichere Karriere als Journalist, Schriftsteller und Analytiker des neuen Russlands.
Erst vor wenigen Monaten erschien dann - das hätte Thumann wenigstens erwähnen können - sein Buch "Nothing is True and Everything is Possible - The Surreal Heart of the New Russia." Aufbauend auf seinen eigenen Erfahrungen als cog in the russian media machine versucht sich Pomerantsev hier an einer politischen und auch literarischen Deutung der russischen Szenerie - einer zynischen, postmodernen Diktatur, in der das Leben selbst oft einer reality show gleicht und nach Jahren der gesellschaftlichen Umbrüche alle Wirklichkeit zur Inszenierung geworden ist. Es ist ein bisschen das Buch der Stunde und ich prophezeihe, dass spätestens wenn das Buch im September auch auf Deutsch erscheint, Pomerantsev auch bei uns berühmt werden wird. Im englischen Sprachraum ist er schon eine feste Größe und schreibt vor allem für high-brow-Zeitschriften wie das London Review of Books, die seinen gehobenen Stil - in etwa: intellektuelle Räuberpistole - sehr schätzen. Pomerantsev ist nicht nur kenntnisreich, sondern schafft es vor allem, seine Analyse in einer aufregenden story zu verpacken. Putins Russland ist etwas wahnsinniges, glitzerndes, aufregendes und dennoch abstoßendes und gefährliches - eine Welt also, über die man ein gutes, packendes Buch schreiben kann, was er ja wohl auch gemacht hat. Ich hatte bisher noch kein Geld für das Buch, aber verfolge seine Artikel schon seit längerem. Sehr cool ist zum Beispiel dieser hier über Surkov.
Zuletzt hat sich Pomerantsev - offenbar im Kontext der sich verschärfenden Ukrainekrise - vom Journalisten zum Aktivisten gewandelt und ruft immer deutlicher dazu auf, dass der russischen Desinformations- und Propaganda-Strategie entschiedener entgegengetreten werden müsse. Zu diesem Zweck sagte er vor einem Komitee des amerikanischen Kongresses aus und verfasste gemeinsam mit Michael Weiss für den amerikanischen Think Tank Institute of Modern Russia ein Exposé mit dem bedrohlichen, cineastischen Titel "The Menace of Unreality: How the Kremlin Weaponizes Information, Culture and Money".
Vor einigen Monaten wies Mark Ames darauf hin, dass Pomerantsev damit seine Glaubwürdigkeit als kritischer Intellektueller unmittelbar in den Dienst der neokonservativen Kriegspartei stellt und dass auch sein Buch - ob kalkuliert oder nicht - genau betrachtet die gleiche Einseitigkeit besitzt. Man muss den Artikel von Ames selbst lesen (unbedingt), aber sein stärkster Kritikpunkt besteht darin, dass Pomerantsev so tut, als sei das Thema der Medienmanipulation und der politischen Virtualität eine Erfindung Putins, etwas derart neues, innovatives und brand-gefährliches, das wir ihm unbedingt unsere eigenen Kräfte im Informationskrieg gebündelt entgegensetzen müssen. Dass aber die meisten Methoden dieser virtuellen Politik von Jelzin zuerst erfolgreich angewendet wurden und damals noch mit zufriedener Unterstützung aus den USA, verkompliziert das Problem ein wenig, ebenso wie die Tatsache, dass - wie soll man es anders sagen? - die Vorstellung absurd ist, dass Russland sich ganz grundsätzlich in der Intensität der Propaganda hervortue:
Ich kann mir nicht helfen, aber ich finde es etwas manipulativ, sich derart auf Pomerantsev zu berufen, aber so gar nicht zu erklären, um wen es sich da genau handelt. Das fängt schon an mit der Bezeichnung "TV-Reporter". Tatsächlich hat Pomerantsev etwa zehn Jahre lang beim russischen Fernsehen gearbeitet - soweit ich weiß aber vor allem als Produzent, der die bereits zu Anfang erwähnten britischen reality-TV-show-Formate auf den russischen Markt zuschneiderte. Auch Dokumentatarfilme hat er produziert - aber immer eben für ein russisches Publikum. Möglicherweise hat er auch tatsächlich als Journalist gearbeitet, dann würde die Bezeichnung zutreffen - in jedem Fall aber war er nicht Teil der gegen den Westen gerichteten Medienstrategie, sondern ganz einfach ein Fernsehproduzent, der, das hat er selbst so formuliert, ausnutzte, dass russische Fernsehmacher einen riesigen Respekt vor allem haben, was aus London kommt - besonders vor den reality shows. Einfach nur weil er Brite sei, habe er fast ohne Erfahrung beim russischen Fernsehen Karriere machen können. Seine echten Ambitionen lagen offenbar woanders, denn kaum hatte er 2010 genug von seinem Job, begann er seine zweite, weitaus erfolgreichere Karriere als Journalist, Schriftsteller und Analytiker des neuen Russlands.
Erst vor wenigen Monaten erschien dann - das hätte Thumann wenigstens erwähnen können - sein Buch "Nothing is True and Everything is Possible - The Surreal Heart of the New Russia." Aufbauend auf seinen eigenen Erfahrungen als cog in the russian media machine versucht sich Pomerantsev hier an einer politischen und auch literarischen Deutung der russischen Szenerie - einer zynischen, postmodernen Diktatur, in der das Leben selbst oft einer reality show gleicht und nach Jahren der gesellschaftlichen Umbrüche alle Wirklichkeit zur Inszenierung geworden ist. Es ist ein bisschen das Buch der Stunde und ich prophezeihe, dass spätestens wenn das Buch im September auch auf Deutsch erscheint, Pomerantsev auch bei uns berühmt werden wird. Im englischen Sprachraum ist er schon eine feste Größe und schreibt vor allem für high-brow-Zeitschriften wie das London Review of Books, die seinen gehobenen Stil - in etwa: intellektuelle Räuberpistole - sehr schätzen. Pomerantsev ist nicht nur kenntnisreich, sondern schafft es vor allem, seine Analyse in einer aufregenden story zu verpacken. Putins Russland ist etwas wahnsinniges, glitzerndes, aufregendes und dennoch abstoßendes und gefährliches - eine Welt also, über die man ein gutes, packendes Buch schreiben kann, was er ja wohl auch gemacht hat. Ich hatte bisher noch kein Geld für das Buch, aber verfolge seine Artikel schon seit längerem. Sehr cool ist zum Beispiel dieser hier über Surkov.
Zuletzt hat sich Pomerantsev - offenbar im Kontext der sich verschärfenden Ukrainekrise - vom Journalisten zum Aktivisten gewandelt und ruft immer deutlicher dazu auf, dass der russischen Desinformations- und Propaganda-Strategie entschiedener entgegengetreten werden müsse. Zu diesem Zweck sagte er vor einem Komitee des amerikanischen Kongresses aus und verfasste gemeinsam mit Michael Weiss für den amerikanischen Think Tank Institute of Modern Russia ein Exposé mit dem bedrohlichen, cineastischen Titel "The Menace of Unreality: How the Kremlin Weaponizes Information, Culture and Money".
Vor einigen Monaten wies Mark Ames darauf hin, dass Pomerantsev damit seine Glaubwürdigkeit als kritischer Intellektueller unmittelbar in den Dienst der neokonservativen Kriegspartei stellt und dass auch sein Buch - ob kalkuliert oder nicht - genau betrachtet die gleiche Einseitigkeit besitzt. Man muss den Artikel von Ames selbst lesen (unbedingt), aber sein stärkster Kritikpunkt besteht darin, dass Pomerantsev so tut, als sei das Thema der Medienmanipulation und der politischen Virtualität eine Erfindung Putins, etwas derart neues, innovatives und brand-gefährliches, das wir ihm unbedingt unsere eigenen Kräfte im Informationskrieg gebündelt entgegensetzen müssen. Dass aber die meisten Methoden dieser virtuellen Politik von Jelzin zuerst erfolgreich angewendet wurden und damals noch mit zufriedener Unterstützung aus den USA, verkompliziert das Problem ein wenig, ebenso wie die Tatsache, dass - wie soll man es anders sagen? - die Vorstellung absurd ist, dass Russland sich ganz grundsätzlich in der Intensität der Propaganda hervortue:
on the one hand, his book's thesis — Kremlin political technologists manipulating a virtual reality via television on a vast new scale — has a lot of truth to it, and is worth studying. But the other part of the thesis, that this is something completely new and invented by Putin, is so patently false it makes a mockery of his own reader. It isn't just that Kremlin reality-distortion and political technology began under Yeltsin with the full backing and advice of the West; it's that our own governments are guilty of this as well, as anyone who remembers the fake WMD scare to invade Iraq can tell you.
[...]
Pomerantsev doesn't provide this sort of broader context, it turns out, because that would get in the way of where he wants to lead us — to alarmist conclusions, and a familiar old neocon agenda, which he peddles hard and crude at the end of his book, where he portrays Putin’s Russia as a direct existential threat to everything westerners cherish.Eines der deutlichsten Zeichen für den Grad in dem Pomerantsev - wissentlich oder nicht, kalkuliert oder nicht - mächtigen Interessenten dient, ist seine Verbindung zum Legatum Institute, welches ihm sehr effektiv in Washington eine Bühne bereitet, demnächst im Oktober zum Beispiel mit Pavel Khodorkovsky beim National Endowment for Democracy. Mark Ames stellt die Implikationen dieser Verbindungen sehr ausführlich heraus, aber eines ist klar: Der ehemalige Fernsehproduzent ist längst kein Journalist mehr, sondern schreibt mittlerweile eher Studien für den Hausgebrauch in Washington, und das Seite an Seite mit der Art von neokonservativen Aktivisten, die am liebsten gleich NATO-Truppen in die Ukraine (oder nach Syrien) verlegen würden. Und wer denen beim Legatum Institut das Gehalt bezahlt... dazu wirklich unbedingt den Artikel von Mark Ames selbst lesen.
Ob das jetzt heißt, dass Pomerantsev gar nicht mehr vertraut werden kann? Sicher nicht. Aber es macht misstrauisch. Eines muss man immer bedenken, wenn man ihm zuhört: dass er politisch Partei ergriffen hat. Er hat sich eine bestimmte Lesart des aktuellen Konfliktes zwischen dem Westen und Russland zu eigen gemacht und macht nun gemeinsam mit einer Gruppe von sehr einflussreichen amerikanischen Ideologen einer aggressiven militarisierten Außenpolitik Politik.
Nur eines ist er schon lange nicht mehr: ein "TV-Reporter".
(Ich glaube auch übrigens kaum, dass Thuman ihn dafür gehalten hat. Ebensowenig, dass Thumann seine Leser irgendwie bewusst manipulieren wollte, indem er den Hintergrund von Pomerantsev verschweigt. Meine eigene kleine Theorie ist vielmehr, dass Thumann einfach nicht gerne darauf hinweisen wollte, wie sehr sein Artikel inhaltlich auf Pomerantsevs Vorlage aufbaut und deshalb diesen TV-Reporter nur so beiläufig erwähnte. Nur eine Theorie.)
Samstag, 25. Juli 2015
Selbst. Management.
Je mehr man die Arbeit als etwas positives, erfüllendes erlebt, desto mehr ist man ihr unterworfen. Indem wir Erfüllung und Freiheit durch und bei der Arbeit erwarten, verschleiern wir nur die internalisierten Zwänge, die mit ihr verbunden sind. Echte Freiheit ist Freiheit von Fremdbestimmung und kann also nur außerhalb der Lohnabhängigkeit existieren. All dies und noch viel mehr, was ich im gestrigen Post unbeholfen andeuten wollte, findet sich hier von einem Professor Rainer Zech sehr viel kenntnisreicher und überzeugender argumentiert.
Die entscheidende Passage:
Dieses besteht vor allem darin – daran erinnert uns Luhmann –, dass die Wirtschaft nicht mehr dem Bedarf, sondern der Bedarf der Wirtschaft folgt. Produziert wird nicht, was gebraucht wird, sondern was sich – unter Zuhilfenahme moderner Marketing- und Werbungsmethoden – verkaufen lässt. Typisch für kapitalistisch dominierte Arbeit ist es, dass sie erstens auf Bedarf, der nicht zahlungsfähig ist, nicht reagiert, wie viel Hunger und Elend auch immer herrschen mögen, und dass sie zweitens dazu neigt, die gesellschaftliche Infrastruktur marodieren zu lassen, weil sich Kollektivgüter gegen die Form des Privateigentums sperren. In Kombination mit der Befreiung der Menschen – verstanden als Freiheit von jeglicher ökonomischer Sicherung – war der Arbeitszwang für die Masse strukturell abgesichert. Wer nichts hatte, dem wurde auch nichts gegeben – er oder sie musste, um das Überleben zu sichern, eben arbeiten.Damit dies aber nicht als Strafe erlebt, sondern als Selbstverwirklichung imaginiert werden konnte, musste noch einiges geschehen. Der ökonomischen Hegemonie folgte die ideologische. Der Kapitalismus ist heute gesamtgesellschaftlich und global als einzig erfolgversprechende Form des Wirtschaftens unangefochten. Aus Arbeitern, die keine Alternative zur Ausbeutung durch das Kapital hatten, wurden Arbeitskraftunternehmer, die sich dem Arbeitsparadigma freiwillig unterwerfen und Selbstausbeutung betreiben. Und nachdem auch das Soziale erfolgreich ökonomisiert wurde und sich die gesellschaftlichen Akteure wechselseitig unter Nützlichkeitsgesichtspunkten beobachten, unterwandert der Neoliberalismus nun die Psychen.Bestes Beispiel dafür ist die gegenwärtige Diskussion um die Arbeitswelt 4.0. Die diesbezügliche Fraunhofer-Studie geht völlig unkritisch davon aus, dass die Integration von Arbeit und Freizeit sich weiter verbreiten wird, und sieht dies nicht als Kolonialisierung privaten Lebens durch die Arbeit, sondern als Synergie eines »Corporate Life«, welches die Beschäftigten samt ihren Familien noch stärker an die Unternehmen bindet. Was hinter diesem als positiv bezeichneten Zukunftsszenario steht, bleibt zwar unausgesprochen, ist aber doch erkennbar: Um den Profit zu steigern, geht es um die Konditionierung der Beschäftigten zu loyalen, treu ergebenen und fügsamen Untergebenen, die ihrer zugewiesenen Aufgabe und den Zielen des Unternehmens dienen, ohne auf die Uhr zu schauen, die sogar ihre »Frei«-Zeit in den Dienst des Unternehmens stellen.
Auch das hier, über die Internalisierung von Herrschaft, ist sehr wichtig:
Moderne Managementmethoden wollen den »ganzen Menschen« mit allen seinen Emotionen, Motivationen, Leidenschaften und Begeisterungen dem Arbeitsprozess zunutze machen. Alle subjektiven Kräfte sollen zwecks Effizienzsteigerung auf die Unternehmensziele gelenkt werden; »freiwillige« Selbst-Beherrschung soll äußere Herrschaft ersetzen. Dass dies der Persönlichkeitsentwicklung der Beschäftigten dienlich sein soll, ist blanke Ideologie. Gouvernementalität nennt Foucault diese Lenkung von Personen, die schlicht darin besteht, Herrschaft zu internalisieren und damit unsichtbar zu machen.
Ich hatte lange ein falsches Bild dieser Art von Gouvernmentalität: ich stellte sie mir vor wie eine Art internalisiertes "falsches Bewusstsein", eine Selbst-Beherrschung, die nicht als solche erfahren wird, bzw. die sich authentisch wie Freiheit und Unabhängigkeit anfühlt. Das mag zum Teil auch sicher zutreffen, aber man darf nicht vergessen, dass dieser Zwang, sich selbst zu managen, auch tatsächlich als Zwang, als meinetwegen diffuser Druck, unmittelbar empfunden werden kann: Das Gefühl, einen Herren zu haben, ist immer noch da, nur sagt dieser dir nicht mehr direkt, was er von dir erwartet, sondern überlässt es dir, irgendwie seinen (unasugesprochenen) Ansprüchen gerecht zu werden - und dabei auch noch immer auf freundlich zu machen.
Seit einem Jahr habe ich einen Nebenjob in einem callcenter in einer "strukturschwachen" Gegend in Ostdeutschland, der als Tochterunternehmen der Bahn nach den allerneusten Managementtechniken betrieben wird. Konkret bedeutet dass u.a., dass permanent die Mitarbeiter nach "input" und Verbesserungsvorschlägen für unsere "Prozesse" angegangen werden, gleichzeitig aber Menschen fast immer gefeuert werden, anstatt sie unbefristet einzustellen. Und selbst diejenigen, die einen dauerhaften Arbeitsvertrag haben, müssen sich in regelmäßigen Abständen auf ihren eigenen Job neu bewerben, um zu vermeiden, wieder herabgestuft zu werden. Das eröffnet zwar einigen ein paar Möglichkeiten - aber anstrengend muss das sein... vor allem, wenn man im Gegensatz zu mir auf den Job angewiesen ist.
Auch interessant: Totalüberwachung von Studenten, zu therapeutisch-prüfend-bewertenden Zwecken. Seeehr creepy: "We don’t need to use any of the data about you . . . to try and manipulate you,” he says. “We want to give you the data so you manipulate yourself”.If you want a vision of the future, imagine a forced smile on a stressed-out human face - forever.
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