Communism

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Mittwoch, 2. September 2015

Eindrücke aus der Transitzone

(Mit Entschuldigung für die schlechten Fotos. Auch ein Video konnte ich nicht hochladen, welches die eindrucksvoll-lautstarken Demonstranten zeigt, vielleicht später noch...)

Für die Flüchtlinge in Keleti, dem Hauptbahnhof von Budapest, ist es eine grausame Situation: Nachdem am Dienstagmorgen plötzlich, ohne Ankündigung, ohne Erklärung, einigen Hundert erlaubt wurde, Züge nach Deutschland zu betreten, waren die mittlerweile mehreren Tausend Flüchtlinge, die den Bahnhof de facto in ein Flüchtlingslager verwandelt haben, voller Hoffnung. Durch die Türkei, durch Griechenland, durch Mazedonien, durch Serbien und schließlich über die befestige ungarische Grenze hatte sie ihr Weg bereits geführt. Anstatt aber dann in einem der Gefängnisartigen und international immer wieder heftig kritisierten ungarischen Lager zu verschwinden, anstatt von der ungarischen Polizei unter Vorwänden wieder nach Serbien ausgewiesen zu werden (es wird oft berichtet, dass die ungarische Polizei jeden Vorwand zur Kriminalisierung nutzt), haben sie sich weiter auf den Weg gemacht. Dabei sind sie auch angezogen von dem deutschen Versprechen, oder eher der Verlautbarung des BAMF (Bundesamt für Migration und Flüchtlinge), für syrische Flüchtlinge, die bereits in Ungarn Asyl beantragt haben, das Dublin-Verfahren auszusetzen, sie also nicht wieder auszuweisen, sondern ihnen in Deutschland Asyl zu gewähren. (In gewisser Weise hat das BAMF damit nur die Realität anerkannt, dass die ungarischen Behörden selbst schon lange Zeit versucht hatten, diese Rückführung nach Dublin-Verordnung zu sabotieren, indem sie die Kooperation mit den deutschen Behörden so lange "verlangsamten", bis die Frist für die Rückführung abgelaufen ist, bzw. das oft schon aus rechtlichen Gründen vorher eine Rückführung nach Ungarn nicht möglich war. Was noch aussteht, und meiner Meinung überfällig ist, ist eine Anerkennung seitens der deutschen Behörden, dass die Zustände in Ungarn ähnlich unzumutbar sind wie etwa in Griechenland, und eine Rückführung deshalb für alle Flüchtlinge ausgesetzt werden müsste.)
Am Dienstag aber gab es Hoffnung auf ein baldiges Ende der Flucht. Viele hatten sich Zugtickets gekauft und erwarteten, endlich diese würdelose Zwischenstation so kurz vor dem sicheren Hafen überwunden zu haben, endlich die improvisierten Lager in der U-Bahn-Station des Budapester Bahnhofes verlassen zu können, wo sie ohne staatliche Unterstützung vor sich hin vegetierten.
Dann am Nachmittag die Enttäuschung: Alle Züge wurden angehalten und für einen Moment stand der Bahnhof still. Die Polizei, die sich bis dahin vom Bahnhof zurückgezogen hatte, begann damit, das gesamte Bahnhofsgebäude zu räumen. Anstatt die Kontrollen in den Zügen wiederaufzunehmen, richtete sie jetzt an den Eingängen Passkontrollen ein: Nur EU-Bürgern oder Ausländern mit gültigen Papieren war der Zutritt erlaubt. 


Spontan formierte sich eine Demonstration der Flüchtlinge. Als ich am Abend zum Bahnhof kam, hatten sie schon seit Stunden vor dem Haupteingang ausgeharrt, eine Sitzblockade errichtet und das Recht auf die Weiterfahrt verlangt. Ich hatte eine wütende Stimmung erwartet, aber davon war nichts zu merken. Auf dem riesigen Bahnhofsvorplatz lagerten überall die Familien, saßen auf Pappabdeckungen herum, hatten Zelte errichtet. Überall spielten Kinder. Man sah den Menschen an, dass sie schon einen weiten Weg hinter sich hatten und auch das Warten gewohnt waren.
(Video)
Die Demonstration vor dem Haupteingang war in einer kämpferischen Stimmung, aber aggressiv war sie nicht. Laut riefen Anführer Parolen in ein Megafon, laut schlugen die meist jungen Demonstrierenden im Takt Plastikflaschen aneinander. "Germany!", schrien sie, dann wieder "Syria" Syria" Syria!" "Euorpe don't let us become victims of smugglers", stand auf einem Schild. Es war erstaunlich wenig Polizei vor Ort, obwohl neben dem Bahnhof noch zahlreiche Einheiten warteten. Der Bahnhof wurde zwar förmlich belagert, war umringt von Tausenden von Menschen, aber niemals drohte die Stimmung zu kippen. Es war auch klar, woran das liegt: Nicht nur an der guten Organisation der Demonstrierenden selbst, die von mit Walkie-Talkies bestückten Aktivisten unterstützt wurden, sondern auch an der Gelassenheit, der Freundlichkeit der Flüchtenden. Geradezu herzlich wurden die paar Ungarn oder Touristen vor Ort behandelt, ebenso rücksichtsvoll die internationale Presse, die direkt vor der Blockade ihre Kameras aufgestellt hatte. Zum Ende des Abends, gegen elf, würden die Demonstranten stiller werden und schließlich sogar mit Besen den Vorplatz fegen. 


Für den einzigen Zwischenfall sorgte die Gegenseite. Mir war schon gleich - wie ich so in der Nähe des Korrespondenten der ARD herumlungerte, um zu hören, was er in die Kamera sagen würde - eine Gruppe von merkwürdigen jungen Männern aufgefallen, die irgendwie fehl am Platz wirkte: Ein Typ im Kampfanzug, die Arme gespreizt, als hätte er Rasierklingen unter den Achseln. Brutal aussehende Typen mit großen, schwarzen Stiefeln, die Witze rissen und eine Weinflasche herumreichten. Ein bleicher, dürrer Jugendlicher, der sich verhielt, als sei er auf Speed, und nicht aufhören konnte, sich mit seinen langen Fingern durchs Gesicht zu reiben (wirklich).


Und tatsächlich, kaum waren zu einer ausreichend großen Meute angewachsen, oder hatten den nötigen Alkoholpegel erreicht, da packte einer von ihnen die ungarische Flagge aus und begann herumzubrüllen. Sie schrien auf ungarisch, natürlich, aber einen Spruch verstand ich doch ganz gut. Er reimte sich auch: "SA! SS! // RUDOLF HESS!"


Sofort waren sie von der Presse umringt, denen sie glücklich ins Gesicht schrien. Sofort waren auch die ungarischen Freiwilligen zur Stelle, um den ein oder anderen Demonstranten daran zu hindern, sich die Schreienden aus der Nähe anzusehen. Es waren merkwürdige Gestalten, abwechselnd geradezu cholerisch wütend, dann wieder in einer obszönen, provozierenden Feierstimmung am Witze reißen. Spielt sich zwischen diesen beiden Polen die Existenz der echten Straßennazis ab?

Aber auch diese Situation entspannte sich schnell, als klar wurde, dass keine Gefahr von den Faschisten ausging – obwohl es trotzdem erstaunt, dass es über eine halbe Stunde dauerte, bis ein einzelner Polizist zur Stelle war, um sich das alles aus der Nähe anzuschauen. Erst später bemerkte ich, dass sich um die Ecke eine Reihe von mit Schlagstöcken bewaffneten Polizisten aufgestellt hatte, nur für den Fall. Aber auch sie waren bald wieder verschwunden.

Eine ungarische Frau stellte sich dann der Gruppe entgegen und begann laut und ausdauernd mit ihnen herumzudiskutieren. Überhaupt war für einige beteiligte Ungarn dieses Erscheinen eines konkreten Gegners, dem man ein paar wütende Sätze zuwerfen konnte, offenbar sehr erleichternd. Denn die Gegenseite, an die man sich ja eigentlich richtet, blieb wie bei jeder Demonstration abwesend und gesichtslos, die Polizisten kühl, unbeteiligt, distanziert. Wenn die ungarische Regierung sich weigert, auch nur die Forderungen der Flüchtlinge zu kommentieren, geschweige denn mit ihnen in den Dialog zu treten, was bleibt einem dann noch?
 (I LOVE GERMEN - OPEN THE DOOR)
Später schlenderte ich dann kurz durch den Bahnhof. Es gab nur zwei kleine Seiteneingänge, die noch geöffnet waren, doch selbst um zu diesen zu gelangen, musste man einige Polizeiketten durchqueren. Dank meiner blonden Haare würdigt mich keiner der Polizisten auch nur eines Blickes. Niemand fragt nach meinen Papieren.

Der Bahnhof war zu dieser Uhrzeit bis auf die herumlungernde Polizei fast menschenleer, aber der Fahrbetrieb ging offenbar ganz normal weiter. Nur die U-Bahn-Station, welche zur zeitweiligen Heimat der Gestrandeten geworden ist, war durch Gitter versperrt.



Draußen begannen sich die Menschen auf eine weitere Nacht in der Transitzone vorzubereiten. Aus einem Supermarkt wurden Pakete von Wasserflaschen herangeschleppt. Aus einem Van verteilte eine völlig überforderte, seit Tagen am Limit arbeitende Freiwilligengruppe (vermutlich MigrationAid) Essen, vor allem Obst. Bis heute gibt es für die mehreren Tausend Flüchtlinge am Bahnhof keine Unterstützung von der Stadt oder vom Staat. Nur ein Wagen des Malteser-Notdienstes war vor Ort, umringt von hilfesuchenden Familien mit kleinen Kindern. Immer wieder hört man die Frage: Wo ist Orban? Wo ist der Staat? Fühlt sich niemand verantwortlich? Warum ist nur die Polizei vor Ort? Wäre so eine Situation in Deutschland überhaupt denkbar, ohne dass die Regierung zumindest in Kontakt mit den Demonstranten tritt?
 
Zuletzt bin ich mit einem Journalisten eines kurdischen Newsservice / Fernsehsenders ins Gespräch gekommen. Er sah unfassbar müde aus, denn seit zehn Tagen hatte er mit seinem Kamerateam die Flüchtlinge begleitet, seit zehn Tagen, sagte er, habe er die gleiche Hose an. Er hatte sich ihnen auf einer griechischen Insel angeschlossen, er hatte mit ihnen Mazedonien durchquert und es irgendwie durch Serbien und über die kürzlich befestigte ungarische Grenze geschafft. Und jetzt war er mit ihnen in Keleti und hatte sich, wie die Flüchtenden auch, versprochen, dass seine Reise erst mit ihnen in Deutschland zu Ende sein würde.
Er war auch Deutscher und vielleicht nahm er sich deshalb die Zeit, kurz mit mir zu reden, obwohl er kurz vor der Live-Schaltung stand und obwohl ihn immer wieder Menschen auf Arabisch ansprachen, die sich von ihm eine Erklärung der Situation erhofften. Ich hatte gar nicht begriffen, dass er Deutscher war: Er sah arabisch aus, stammt aus dem (kurdischen) Irak und erklärte auf Englisch mit einer bewundernswerten Geduld zwei naiven ungarischen Teenagern, wie verfahren, wie schwierig die Lage im Mittleren Osten wirklich ist - und warum der Westen sich nicht so einfach aus der Verantwortung stehlen kann. Ich hatte mich nur dazugestellt und die Diskussion verfolgt, als er mich plötzlich in fließendem Deutsch ansprach und mir von seinem Journalistik-Studium in Köln erzählte. Vielleicht hatte er auch deshalb den skeptischen jungen Ungarn so überzeugend erklären können, dass die Flüchtlinge in Europa vor allem eine Zukunft suchen, keine Almosen, weil er eben seine eigene Erfahrung beschrieb.
Ich fragte ihn, warum die ungarische Polizei am Morgen überhaupt den Flüchtlingen erlaubt hatte abzureisen - warum sie plötzlich die Kontrollen eingestellt hatte, nur um sie dann am Nachmittag umso härter wieder einzusetzen. Gab es eine Logik hinter diesem Verhalten, oder war es ein reines Fehlverhalten der Polizei? Auch er wusste keine Antwort.
Ich bin mittlerweile überzeugt, dass der plötzliche Rückzug der ungarischen Polizei aus dem Bahnhof sehr bewusst angetreten wurde, dass es eine kalkulierte Aktion gewesen ist, ebenso wie die folgende Räumung die damit provozierte verfahrene Situation heute. Die ungarische Regierung versucht offenbar irgendwie die anderen EU-Staaten dazu zu zwingen, ihnen die Verantwortung für die Flüchtlinge abzunehmen – und da kommt ihnen eine so dramatische Situation wie jetzt am Bahnhof Keleti ebenso gelegen wie die immer wieder auftauchenden Berichte über die unwürdige Situation in ungarischen Camps. Das ist die zynische Kalkulation. Die ungarische Regierung, das hat sie in den letzten Monaten ausreichend bewiesen, hat kein Problem damit, eine unhaltbare Situation sogar noch zu verschlimmern. Die europäische Öffentlichkeit aber schon, und irgendwann wird sie nachgeben und Ungarn erlauben, den Flüchtlingen die Weiterreise zu genehmigen. Sogar die New York Times hat kürzlich gefordert, endlich die Dublin-Regelung aufzuheben. Die ungarische Regierung spielt auf Zeit – und nimmt es bewusst in Kauf, dass die Lage der Flüchtlinge in ihren Grenzen immer schlimmer werden wird.
Heute hat die Organisaton MigrationAid zu einer Demonstration vor dem Parlament aufgerufen, um endlich die Regierung dazu zu zwingen, ihre Verantwortung zu übernehmen. Auch vor dem Bahnhof ist die Situation wie gestern: die Polizei erhält die Blockade aufrecht, die Flüchtlinge demonstrieren. Noch ist keine Lösung in Sicht.

Dienstag, 11. August 2015

Informationskrieger unter sich

Während meines Auslandssemesters in England habe ich manchmal Russia Today geguckt, weil es eben lief und weil ich es nicht kannte. Es war auch sehr unterhaltsam. Die Moderatorinnen waren wunderschön, es gab da diesen exaltierten, etwas verrückten Finanzexperten namens Max Keiser und ab und zu wurden tatsächlich lange Schlangen vor amerikanischen Suppenküchen gezeigt, oder Reportagen aus Zeltstädten unter Clevelander Autobahnzubringern. Da kann man nie genug von kriegen, vor allem wenn die Alternative in britischen reality shows besteht. (Auf die komme ich noch zurück...)

Der russische "Informationskrieg" ist gerade ein ziemliches Modethema, klar. In unserem unüberwindbaren Narzissmus interessiert uns dabei selten die unglaublich spannende Frage, wie die mediale und politische Landschaft in Russland selbst aussieht, was also gerade mit diesem Land und seiner Bevölkerung passiert, sondern eher das - meiner Meinung nach - ziemlich belanglose Phänomen des russischen "Informationskrieges" im und gegen den Westen: Angeworbene "Troll-Armeen", zum Beispiel, die den bis dahin so unglaublich niveauvollen Diskurs in Online-Kommentarspalten vergiften und gemeinsam mit einem recht billig gemachten Nachrichtensender den hybriden Krieg in die verwirrten Köpfe des westlichen Publikums tragen. Ich bin ja noch jung, ich erinnere mich daran nicht, aber offenbar gab es einmal eine Zeit, in der internationale Konflikte immer völlig unkontrovers, nüchtern und mit verlässlichen Informationen in der Öffentlichkeit diskutiert wurden - erst der russische Propagandakrieg hat anscheinend dieses Idyll zerstört.

Ich finde das uninteressant. Ich habe immer das Gefühl, dass da einige ältere Journalisten viel zu wichtig nehmen, was im Internet passiert und dazu noch die Bedeutung vollkommen überschätzen, welche die internationalen Medien für die russische Regierung besitzen. Was kostet RT? Was kosten ein paar Studenten in einem Bürogebäude am Petersburger Stadtrand, die ideologische Kommentare auf Englisch posten? Sieht so wirklich eine bedrohliche "Informationskriegs"-Strategie aus? 

Ich könnte mir zumindest vorstellen, dass Wladimir Putin von dem mittlerweile berühmten "House of Trolls" selbst erst aus der New York Times erfahren hat - und einfach nur belustigt den Kopf schüttelte, bevor er sich wieder wichtigeren Dingen zuwandte. 

Aber es ist eben - im Gegensatz zur Recherche in Russland oder der Ukraine selbst, wo die echte Propagandaschlacht geschlagen wird - eine leichte story und deshalb wird sie immer wieder aufgewärmt. Sie ist unterhaltsam und gut für das westliche Journalisten-Ego, vor allem aber hat sie den klaren Vorteil, dass es in ihr um uns geht. Und wir sind schließlich das interessanteste an Russland, oder?

Die story des russischen Informationskrieges, der an den Grundfesten unserer Ordnung nagt, ähnelt ein wenig der von Alexander Dugin. Dieser fast comichaft nach "dämonischer Russe" aussehende Philosoph, dessen neofaschistische Ideologie eines eurasischen Imperiums so schön und exotisierend die Machtpolitik Russlands erklären hilft, wird immer gerne zu einem Artikel verwurstet, besitzt aber in Russland selbst keinen echten Einfluss. Und auch hier in Deutschland performt er eher auf kleinen, burschenschaftlichen Bühnen. Unter Journalisten aber, die vielleicht selbst kein russisch sprechen und in Russland niemanden kennen, trotzdem jedoch einen Artikel produzieren wollen, der einen "faszinierenden Einblick in die Gedankenwelt des neuen Russlands" gewähren soll - da ist er sehr beliebt. Aber wer könnte so einem Denkerbart auch widerstehen?

Worauf ich hinauswill (und ich befürchte ein solches caveat ist bei diesem Thema notwendig): Kritik an der Propaganda der russischen Medien ist ein sehr wichtiges, auch sehr interessantes Thema. Es kann aber auch dazu missbraucht werden auf billige, exotisierende Weise Russland als Gegensatz zum wunderbaren, aufgeklärten Westen aufzubauen - also im schlimmsten Fall dämonisierend dem tödlichen Lagerdenken der aktuellen Situation in die Hände zu spielen. Und zu diesem Zweck wird sie auch - da sollte man sich keine Illusionen machen - von einigen eingesetzt. Man sollte also sehr gründlich und vor allem sehr ehrlich und auch selbstkritisch sein, wenn man sich dem Thema annimmt. 

Bei einem so sensiblen Thema kommt es eben schon auf Kleinigkeiten an, wenn man seine Glaubwürdigkeit behalten möchte. Zum Beispiel dieser Artikel von Michael Thumann in der ZEIT. Inhaltlich ein ziemlicher Standard des Genres, gar nicht mal so alarmistisch, dafür mit interessanten Zahlen darüber, wie sich die Einstellungen der russischen Bevölkerung zum Ausland in den letzten Jahren verändert haben. Gut, komisch vielleicht, dass der Propaganda-Action-Film aus dem ersten Absatz offenbar keinen Namen hat, man sich also nicht selbst mal einen Trailer ansehen kann. Und auch irgendwie schade, dass Thumann zwar offensichtlich beim russischen Staatsfernsehen in der Kantine zu Mittag gegessen hat, aber niemanden ihm ein Interview geben wollte. Nur an einem Punkt bringt Thumann ein Zitat aus einem Interview mit einem Vertreter des russischen Staatsfernsehens - dieses hat er allerdings nicht selbst geführt, sondern ein gewisser "TV-Reporter Peter Pomerantsev":
Ihre Sender sollen die "russische Sicht" in die Welt tragen. Was das sei, fragte der englische TV-Reporter Peter Pomerantsev, der früher bei Moskauer Fernsehkanälen arbeitete, den geschäftsführenden Redakteur von RT. "Es gibt immer einen russischen Standpunkt", antwortete der Redakteur. Und erklärte das anhand einer Banane. "Für den einen ist sie etwas zu essen. Für einen anderen ist sie eine Waffe. Für den Rassisten ist sie ein Instrument, um Schwarze zu ärgern." Alles sei möglich. Es gebe einfach keine objektiv eindeutige Sicht darauf, was eine Banane sei, sagte der RT-Mann. Und so wie die Banane krumm ist, biegen sich diese Sender die Wahrheit zurecht. Das ist die Essenz des "russischen Standpunkts".
Eine Quellenangabe für dieses Interview, welches - denkt man sich bei einem "TV-Reporter" - sicher irgendwann im Fernsehen lief, gibt es leider nicht. Dafür kommt Thumann an einer späteren Stelle noch einmal auf Pomerantsev zurück und erklärt, dass dieser als Journalist für das russische Staatsfernsehen angeworben wurde, um diesem zu helfen, "in den Westen vorzudringen." Hier das ganze Zitat:
Moskauer Sender haben Kohorten westlicher Journalisten eingestellt, um in den Westen vorzudringen. Peter Pomerantsev war nur einer von vielen.
Zuletzt hat Pomerantsev aber offenbar ein Interview mit dem geschäftsführenden Redakteur von RT geführt hat, welches Thumann ohne Quellenangabe dankbar zitiert.

Ich kann mir nicht helfen, aber ich finde es etwas manipulativ, sich derart auf Pomerantsev zu berufen, aber so gar nicht zu erklären, um wen es sich da genau handelt. Das fängt schon an mit der Bezeichnung "TV-Reporter". Tatsächlich hat Pomerantsev etwa zehn Jahre lang beim russischen Fernsehen gearbeitet - soweit ich weiß aber vor allem als Produzent, der die bereits zu Anfang erwähnten britischen reality-TV-show-Formate auf den russischen Markt zuschneiderte. Auch Dokumentatarfilme hat er produziert - aber immer eben für ein russisches Publikum. Möglicherweise hat er auch tatsächlich als Journalist gearbeitet, dann würde die Bezeichnung zutreffen - in jedem Fall aber war er nicht Teil der gegen den Westen gerichteten Medienstrategie, sondern ganz einfach ein Fernsehproduzent, der, das hat er selbst so formuliert, ausnutzte, dass russische Fernsehmacher einen riesigen Respekt vor allem haben, was aus London kommt - besonders vor den reality shows. Einfach nur weil er Brite sei, habe er fast ohne Erfahrung beim russischen Fernsehen Karriere machen können. Seine echten Ambitionen lagen offenbar woanders, denn kaum hatte er 2010 genug von seinem Job, begann er seine zweite, weitaus erfolgreichere Karriere als Journalist, Schriftsteller und Analytiker des neuen Russlands.

Erst vor wenigen Monaten erschien dann - das hätte Thumann wenigstens erwähnen können - sein Buch "Nothing is True and Everything is Possible - The Surreal Heart of the New Russia." Aufbauend auf seinen eigenen Erfahrungen als cog in the russian media machine versucht sich Pomerantsev hier an einer politischen und auch literarischen Deutung der russischen Szenerie - einer zynischen, postmodernen Diktatur, in der das Leben selbst oft einer reality show gleicht und nach Jahren der gesellschaftlichen Umbrüche alle Wirklichkeit zur Inszenierung geworden ist. Es ist ein bisschen das Buch der Stunde und ich prophezeihe, dass spätestens wenn das Buch im September auch auf Deutsch erscheint, Pomerantsev auch bei uns berühmt werden wird. Im englischen Sprachraum ist er schon eine feste Größe und schreibt vor allem für high-brow-Zeitschriften wie das London Review of Books, die seinen gehobenen Stil - in etwa: intellektuelle Räuberpistole - sehr schätzen. Pomerantsev ist nicht nur kenntnisreich, sondern schafft es vor allem, seine Analyse in einer aufregenden story zu verpacken. Putins Russland ist etwas wahnsinniges, glitzerndes, aufregendes und dennoch abstoßendes und gefährliches - eine Welt also, über die man ein gutes, packendes Buch schreiben kann, was er ja wohl auch gemacht hat. Ich hatte bisher noch kein Geld für das Buch, aber verfolge seine Artikel schon seit längerem. Sehr cool ist zum Beispiel dieser hier über Surkov.

Zuletzt hat sich Pomerantsev - offenbar im Kontext der sich verschärfenden Ukrainekrise - vom Journalisten zum Aktivisten gewandelt und ruft immer deutlicher dazu auf, dass der russischen Desinformations- und Propaganda-Strategie entschiedener entgegengetreten werden müsse. Zu diesem Zweck sagte er vor einem Komitee des amerikanischen Kongresses aus und verfasste gemeinsam mit Michael Weiss für den amerikanischen Think Tank Institute of Modern Russia ein Exposé mit dem bedrohlichen, cineastischen Titel "The Menace of Unreality: How the Kremlin Weaponizes Information, Culture and Money".

Vor einigen Monaten wies Mark Ames darauf hin, dass Pomerantsev damit seine Glaubwürdigkeit als kritischer Intellektueller unmittelbar in den Dienst der neokonservativen Kriegspartei stellt und dass auch sein Buch - ob kalkuliert oder nicht - genau betrachtet die gleiche Einseitigkeit besitzt. Man muss den Artikel von Ames selbst lesen (unbedingt), aber sein stärkster Kritikpunkt besteht darin, dass Pomerantsev so tut, als sei das Thema der Medienmanipulation und der politischen Virtualität eine Erfindung Putins, etwas derart neues, innovatives und brand-gefährliches, das wir ihm unbedingt unsere eigenen Kräfte im Informationskrieg gebündelt entgegensetzen müssen. Dass aber die meisten Methoden dieser virtuellen Politik von Jelzin zuerst erfolgreich angewendet wurden und damals noch mit zufriedener Unterstützung aus den USA, verkompliziert das Problem ein wenig, ebenso wie die Tatsache, dass - wie soll man es anders sagen? - die Vorstellung absurd ist, dass Russland sich ganz grundsätzlich in der Intensität der Propaganda hervortue:
on the one hand, his book's thesis — Kremlin political technologists manipulating a virtual reality via television on a vast new scale — has a lot of truth to it, and is worth studying. But the other part of the thesis, that this is something completely new and invented by Putin, is so patently false it makes a mockery of his own reader. It isn't just that Kremlin reality-distortion and political technology began under Yeltsin with the full backing and advice of the West; it's that our own governments are guilty of this as well, as anyone who remembers the fake WMD scare to invade Iraq can tell you.
[...]
Pomerantsev doesn't provide this sort of broader context, it turns out, because that would get in the way of where he wants to lead us — to alarmist conclusions, and a familiar old neocon agenda, which he peddles hard and crude at the end of his book, where he portrays Putin’s Russia as a direct existential threat to everything westerners cherish.
Eines der deutlichsten Zeichen für den Grad in dem Pomerantsev - wissentlich oder nicht, kalkuliert oder nicht - mächtigen Interessenten dient, ist seine Verbindung zum Legatum Institute, welches ihm sehr effektiv in Washington eine Bühne bereitet, demnächst im Oktober zum Beispiel mit Pavel Khodorkovsky beim National Endowment for Democracy. Mark Ames stellt die Implikationen dieser Verbindungen sehr ausführlich heraus, aber eines ist klar: Der ehemalige Fernsehproduzent ist längst kein Journalist mehr, sondern schreibt mittlerweile eher Studien für den Hausgebrauch in Washington, und das Seite an Seite mit der Art von neokonservativen Aktivisten, die am liebsten gleich NATO-Truppen in die Ukraine (oder nach Syrien) verlegen würden. Und wer denen beim Legatum Institut das Gehalt bezahlt... dazu wirklich unbedingt den Artikel von Mark Ames selbst lesen.

Ob das jetzt heißt, dass Pomerantsev gar nicht mehr vertraut werden kann? Sicher nicht. Aber es macht misstrauisch. Eines muss man immer bedenken, wenn man ihm zuhört: dass er politisch Partei ergriffen hat. Er hat sich eine bestimmte Lesart des aktuellen Konfliktes zwischen dem Westen und Russland zu eigen gemacht und macht nun gemeinsam mit einer Gruppe von sehr einflussreichen amerikanischen Ideologen einer aggressiven militarisierten Außenpolitik Politik.

Nur eines ist er schon lange nicht mehr: ein "TV-Reporter".

(Ich glaube auch übrigens kaum, dass Thuman ihn dafür gehalten hat. Ebensowenig, dass Thumann seine Leser irgendwie bewusst manipulieren wollte, indem er den Hintergrund von Pomerantsev verschweigt. Meine eigene kleine Theorie ist vielmehr, dass Thumann einfach nicht gerne darauf hinweisen wollte, wie sehr sein Artikel inhaltlich auf Pomerantsevs Vorlage aufbaut und deshalb diesen TV-Reporter nur so beiläufig erwähnte. Nur eine Theorie.)

Samstag, 25. Juli 2015

Selbst. Management.

Je mehr man die Arbeit als etwas positives, erfüllendes erlebt, desto mehr ist man ihr unterworfen. Indem wir Erfüllung und Freiheit durch und bei der Arbeit erwarten, verschleiern wir nur die internalisierten Zwänge, die mit ihr verbunden sind. Echte Freiheit ist Freiheit von Fremdbestimmung und kann also nur außerhalb der Lohnabhängigkeit existieren. All dies und noch viel mehr, was ich im gestrigen Post unbeholfen andeuten wollte, findet sich hier von einem Professor Rainer Zech sehr viel kenntnisreicher und überzeugender argumentiert. 

Die entscheidende Passage:
Dieses besteht vor allem darin – daran erinnert uns Luhmann –, dass die Wirtschaft nicht mehr dem Bedarf, sondern der Bedarf der Wirtschaft folgt. Produziert wird nicht, was gebraucht wird, sondern was sich – unter Zuhilfenahme moderner Marketing- und Werbungsmethoden – verkaufen lässt. Typisch für kapitalistisch dominierte Arbeit ist es, dass sie erstens auf Bedarf, der nicht zahlungsfähig ist, nicht reagiert, wie viel Hunger und Elend auch immer herrschen mögen, und dass sie zweitens dazu neigt, die gesellschaftliche Infrastruktur marodieren zu lassen, weil sich Kollektivgüter gegen die Form des Privateigentums sperren. In Kombination mit der Befreiung der Menschen – verstanden als Freiheit von jeglicher ökonomischer Sicherung – war der Arbeitszwang für die Masse strukturell abgesichert. Wer nichts hatte, dem wurde auch nichts gegeben – er oder sie musste, um das Überleben zu sichern, eben arbeiten.

Damit dies aber nicht als Strafe erlebt, sondern als Selbstverwirklichung imaginiert werden konnte, musste noch einiges geschehen. Der ökonomischen Hegemonie folgte die ideologische. Der Kapitalismus ist heute gesamtgesellschaftlich und global als einzig erfolgversprechende Form des Wirtschaftens unangefochten. Aus Arbeitern, die keine Alternative zur Ausbeutung durch das Kapital hatten, wurden Arbeitskraftunternehmer, die sich dem Arbeitsparadigma freiwillig unterwerfen und Selbstausbeutung betreiben. Und nachdem auch das Soziale erfolgreich ökonomisiert wurde und sich die gesellschaftlichen Akteure wechselseitig unter Nützlichkeitsgesichtspunkten beobachten, unterwandert der Neoliberalismus nun die Psychen.

Bestes Beispiel dafür ist die gegenwärtige Diskussion um die Arbeitswelt 4.0. Die diesbezügliche Fraunhofer-Studie geht völlig unkritisch davon aus, dass die Integration von Arbeit und Freizeit sich weiter verbreiten wird, und sieht dies nicht als Kolonialisierung privaten Lebens durch die Arbeit, sondern als Synergie eines »Corporate Life«, welches die Beschäftigten samt ihren Familien noch stärker an die Unternehmen bindet. Was hinter diesem als positiv bezeichneten Zukunftsszenario steht, bleibt zwar unausgesprochen, ist aber doch erkennbar: Um den Profit zu steigern, geht es um die Konditionierung der Beschäftigten zu loyalen, treu ergebenen und fügsamen Untergebenen, die ihrer zugewiesenen Aufgabe und den Zielen des Unternehmens dienen, ohne auf die Uhr zu schauen, die sogar ihre »Frei«-Zeit in den Dienst des Unternehmens stellen.
Auch das hier, über die Internalisierung von Herrschaft, ist sehr wichtig:
Moderne Managementmethoden wollen den »ganzen Menschen« mit allen seinen Emotionen, Motivationen, Leidenschaften und Begeisterungen dem Arbeitsprozess zunutze machen. Alle subjektiven Kräfte sollen zwecks Effizienzsteigerung auf die Unternehmensziele gelenkt werden; »freiwillige« Selbst-Beherrschung soll äußere Herrschaft ersetzen. Dass dies der Persönlichkeitsentwicklung der Beschäftigten dienlich sein soll, ist blanke Ideologie. Gouvernementalität nennt Foucault diese Lenkung von Personen, die schlicht darin besteht, Herrschaft zu internalisieren und damit unsichtbar zu machen.
Ich hatte lange ein falsches Bild dieser Art von Gouvernmentalität: ich stellte sie mir vor wie eine Art internalisiertes "falsches Bewusstsein", eine Selbst-Beherrschung, die nicht als solche erfahren wird, bzw. die sich authentisch wie Freiheit und Unabhängigkeit anfühlt. Das mag zum Teil auch sicher zutreffen, aber man darf nicht vergessen, dass dieser Zwang, sich selbst zu managen, auch tatsächlich als Zwang, als meinetwegen diffuser Druck, unmittelbar empfunden werden kann: Das Gefühl, einen Herren zu haben, ist immer noch da, nur sagt dieser dir nicht mehr direkt, was er von dir erwartet, sondern überlässt es dir, irgendwie seinen (unasugesprochenen) Ansprüchen gerecht zu werden - und dabei auch noch immer auf freundlich zu machen. 

Seit einem Jahr habe ich einen Nebenjob in einem callcenter in einer "strukturschwachen" Gegend in Ostdeutschland, der als Tochterunternehmen der Bahn nach den allerneusten Managementtechniken betrieben wird. Konkret bedeutet dass u.a., dass permanent die Mitarbeiter nach "input" und Verbesserungsvorschlägen für unsere "Prozesse" angegangen werden, gleichzeitig aber Menschen fast immer gefeuert werden, anstatt sie unbefristet einzustellen. Und selbst diejenigen, die einen dauerhaften Arbeitsvertrag haben, müssen sich in regelmäßigen Abständen auf ihren eigenen Job neu bewerben, um zu vermeiden, wieder herabgestuft zu werden. Das eröffnet zwar einigen ein paar Möglichkeiten - aber anstrengend muss das sein... vor allem, wenn man im Gegensatz zu mir auf den Job angewiesen ist.
 
Auch interessant: Totalüberwachung von Studenten, zu therapeutisch-prüfend-bewertenden Zwecken. Seeehr creepy: "We don’t need to use any of the data about you . . . to try and manipulate you,” he says. “We want to give you the data so you manipulate yourself”.

If you want a vision of the future, imagine a forced smile on a stressed-out human face - forever.

Donnerstag, 23. Juli 2015

Die Wahrheit

"to escapism, to rain on the roof and instant coffee, to unemployment insurance and library cards, to absinthe and good-hearted landlords, to music and warm bodies and contraceptives"

Ich glaube, das lasse ich mir auf den Rücken tätowieren. Am besten den ganzen Brief. 

Hunter S. Thompson konnte gut schreiben: witzig und präzise, unsentimental aber ausdrucksstark, immer im direkten, fast wie gesprochenen Dialog mit dem Leser, und trotzdem komplex und voller Argumentation. Ich glaube, ich habe noch nie von einem anderen Autor auch noch die Briefe gelesen, aber bei ihm lohnt es sich, denn da ist auf jeder Seite diese Stimme.

Nicht, dass ich wirklich und mit voller Hingabe so leben könnte, wie er es hier anpreist, dazu mangelt es mir wohl an psychischer Kraft. Wie jeder Spross des akademischen Bürgertums kann ich zwar in Gedanken andere Prioritäten setzen als die der "Wirtschaft", aber letztlich kommen wir alle aus einer langen Linien von Untertanen, und die Angst vor der Arbeitslosigkeit, die Scham darüber, nicht zu Diensten zu sein, sitzt uns zu tief in den Knochen. Es ist sogar noch schlimmer: wir lieben unsere Jobs! Die frühindustrielle Kultur schämte sich wenigstens noch ab und zu für ihren untertänigen Fleiß: mit dem Adel gab es eine Schicht, die stolz darauf war, nicht zu arbeiten, und mit der Kirche eine Institution, die dafür verehrt wurde, dass sie über der irdischen Mühsal stand - und niemandem wäre es eingefallen, dass es so etwas wie tiefempfundene, sinnstifftende "berufliche Erfüllung" überhaupt gibt. 

Man internalisiere dazu noch den ultramoderne Gedanken, dass wir unseren Wert erst einmal selbst unter Beweis stellen müssen, dass also berufliches Scheitern wirklich ein Scheitern der gesamten Persönlichkeit darstellt, und es lösen sich schnell alle kritischen Gedanken über künstliche Verknappung und die Irrationalität unseres Wirtschaftssystems in Luft auf. Vom 1-Euro-Jobber bis zum Bürosklavenworkaholic - die Kultur des Arbeitszwanges ist so mächtig wie je, selbst Künstler, selbst Professoren sind heute Angestellte, die permanent auf die nächste performance review hinarbeiten.

Nicht dass an Arbeit prinzipiell etwas auszusetzen ist. Aber ich glaube, dass es ein Ausdruck der Stagnation unserer Kultur ist, dass wir weder eine Kritik der entfremdeten Arbeit, noch eine Vision eines Lebens ohne Lohnarbeit überzeugend formulieren können. Im kapitalistischen Realismus gibt es auch zum Job keine Alternative - oder wenn, dann ist es nur ein weiterer Schwachsinn, den dir jemand andrehen will:
Catalyse has all the energy, fun and playfulness of Morning Gloryville, combined with a three part programme built around our 'rave your way into the day' experience
Our transformational and inspiring environment aligns both team engagement and values-led objectives, to deliver:
Improved Health + Well Being
Enhanced Happiness + Joy
Expanded Perspective + Mindfulness
(Neoliberale Poesie!)

Vielleicht ist es ironischerweise unsere illusionslose Nüchternheit, die uns ausgerechnet jetzt, wo der Überfluss fast grenzenlos ist, umso mehr dem Arbeitsethos unterwirft. Selbst wir Deutschen, selbst unsere puritanischen Brüder und Schwestern auf der anderen Seite des Atlantik, haben zwar mittlerweile gelernt, freie Zeit zu verbringen, zu ertragen und ab und zu sogar zu genießen. Und sicher würden die meisten auch sagen, dass es wichtigere Dinge in ihrem Leben gibt, als ihre Arbeit - und bei einigen würde das vielleicht sogar stimmen. Aber wir haben immer noch keine Vorstellung davon,  wie es möglich ist, dem Leben grundlegend eine eigene Richtung, einen Sinn und eine Form zu geben, ohne sich dazu vor allem auf die Lohnarbeit zu stützen. 

Wenn etwas verschwindet, ohne dass etwas anderes entsteht, ergibt das keine Befreiung, sondern Leere. Das ist der echte Sinn des düsteren Mantras, das auf den ersten Blick nur wie ein reiner Widerspruch zu Thompsons Lässigkeit verstanden werden könnte:
"The world is what it is; men who are nothing, who allow themselves to become nothing, have no place in it."
Man muss sehr gefestigt sein, um unter Arbeitslosigkeit nicht zu leiden, viele eigene Antriebe und auch unabhängig von der langweiligen bürgerlichen Konvention der regelmäßigen Erwerbsarbeit ein Gefühl des eigenen Wertes besitzen. Das gilt für den Einzelnen wie für das Ganze. Eine Kultur, die nur Arbeit kennt und der die Arbeit ausgeht, wird wahnsinnig. Oder depressiv, wie Thüringen*. Die Beschränkung der Arbeitszeit war einmal die grundlegende Forderung jeder progressiven Politik, bis hin zur utopischen Vorstellung, dass eines Tages die Lohnarbeit zur Nebensache werden würde. Warum ist das heute so vergessen? Weil uns allen eingeredet wird, dass wir froh sein können, überhaupt Arbeit zu finden? Sicher. Weil es uns erlaubt, auf die faulen Franzosen mit ihrer 30-Stunden-Woche herabzublicken, von gewissen anderen südeuropäischen Ländern ganz zu schweigen? Auch das ist leider wahr - wer selber mit seiner Situation unzufrieden ist, kann sich zumindest daran aufrichten, auf andere hinabzublicken. Aber hat es nicht auch mit dem Fehlen einer positiven Vision zu tun, wie eine Gesellschaft, ein Leben aussehen könnte, in dem nicht mehr der wirtschaftliche Überlebenskampf zentraler Motor ist? Vor allem dem Fehlen einer Vision, die nicht nur für pseudo-Bohemiens, Akademiker und Partyleute funktioniert, sondern auch für normale, langweilige Menschen?

Mir gefällt Corey Robins Konzept eines anti-utopischen Utopismus. Neoliberale Freiheit ist vor allem der Zwang, permanent und unter großem Druck das persönliche und berufliche Projekt zu verfolgen und an der Selbstoptimierung zu arbeiten - wir müssen uns jeden Tag zu tausenden Sachen zwingen, die wir eigentlich nicht tun möchten. Das heißt wohl Erwachsensein.
"In real (or at least our preferred) life, we do have other, better things to do.  We have books to read, children to raise, friends to meet, loved ones to care for, amusements to enjoy, drinks to drink, walks to take, webs to surf, couches to lie on, games to play, movies to see, protests to make, movements to build, marches to march, and more. Most days, we don’t have time to do any of that. We’re working way too many hours for too little pay, and in the remaining few hours (minutes) we have, after the kids are asleep, the dishes are washed, and the laundry is done, we have to haggle with insurance companies about doctor’s bills, deal with school officials needing forms signed, and more."
Im Gegensatz dazu ist echte Befreiung deshalb nicht mit einem euphorischen Glücksversprechen verbunden, sondern steht nur für die Möglichkeit, sein Leben nach selbstgewählten Kriterien auszurichten - oder, schlimmer noch: zum ersten mal wirklich mit der Frage konfrontiert zu werden, nach welchen Kriterien man sein Leben ausrichten möchte. Wie er es an anderer Stelle ausdrückt: "the point of socialism is to convert hysterical misery into ordinary unhappiness. God that would be so great." 

Um also die Befreiung von der Arbeit wieder auf die Tagesordnung zu setzen, müssen wir erst einmal das Selbstbewusstsein aufbringen, zu behaupten, dass - auch wenn wir nichts besonderes sind, sondern einfach nur langweilige, unglückliche Durschnittsmenschen - es unendlich viele Dinge auf der Welt gibt, die wichtiger und notwendiger sind als jede Arbeit, und jeder angehäufte Reichtum sowieso.

Wer das als adoleszentes Rumgejammere über die böse, harte Welt abtun will, die es einem nicht erlaubt, jeden Tag auszuschlafen, der soll sich vor Augen halten, dass er vor hundert Jahren sicher mit der gleichen verbissenen Selbstgerechtigkeit über die Idee gelacht hätte, dass auch die unteren Schichten ein Recht auf Freizeit oder - man stelle sich das vor - persönliche Erfüllung haben. Alles ist relativ, klar, aber nichts ist verlogener als die falsche Knappheitsrethorik, die immer nur von einigen Opfer und Disziplin verlangt, den Luxus der anderen aber als ihr gott-gegebenes Recht akzeptiert.

Eine der offenbar am tiefsten empfunden Stellen in Deutschland schafft sich ab handelt davon, dass gerade Menschen aus der Unterschicht Schwierigkeiten damit haben, ihr Leben selbst zu gestalten und deshalb für ihr Glück auf die disziplinierende Wirkung regelmäßiger harter Arbeit besonders angewiesen sind. Das ist das größte Gift: die Vorstellung, dass unsereins - gebildet, reich, kultiviert und hip - natürlich die "Kompetenz" besitzt, auch ohne äußeren Zwang ein erfülltes, interessantes, sogar "produktives" Leben zu führen, die "anderen" aber nur vor dem Fernseher sitzend verkommen würden, triebe man sie nicht permanent zur Arbeit an.

Dekadenz ist gut, aber bitte nicht nur als individueller lifestyle. Dekadenz ist unser aller Schicksal und Aufgabe, unsere kollektive Zukunft. Es wird Zeit, dass wir beginnen, uns mit dem nötigen Ernst auf sie vorzubereiten.



*Wobei ich noch nie in Thüringen gewesen bin und auch kaum Thüringer kenne - aber ihr wisst schon, was ich meine!

Mittwoch, 15. Juli 2015

Die drei Bücher...

...die ich gerade aus der Bibliothek geholt habe, sind wie ein ironischer Kommentar zur Weltlage:
  • Joan Robinson - Ökonomische Theorie als Ideologie ("Über einige altmodische Fragen der Wirtschaftstheorie")
  • E. M. Cioran - Vom Nachteil, geboren zu sein. 
  • James Knowlson - Damned to Fame (die autorisierte Beckett-Biografie)
Leftkeynesianism, despair, you must go on, I can't go on, I'll go on.

Yves Smith, deren pessimistische Lesart sich seit Monaten immer wieder auf schmerzhafte Weise bewahrheitet, besteht darauf, dass die 'Einigung' vom Wochenende erst der Beginn eines komplexen, mühsamen Prozesses ist, bei dem von Anfang bis Ende die Gewalt vollständig in den Händen der Troika liegen wird. Und es kann noch sehr viel schief gehen:
When we look at the Greek situation there are far too many things that have to occur for the deal to go through, and the odds for favorable outcomes for just about each one looks to be markedly below 90%. I’m not about to play bookie, but it’s looking uncomfortably likely that the tentative Greece pact will come unglued. And one big factor favoring that outcome: the critical actor, Germany (and specifically, Finance Minister Wolfgang Schauble, whose support as we have stressed is a necessary but not sufficient condition for having a deal be consummated) isn’t highly motivated to salvage the preliminary agreement if it goes off the rails. Schauble has long thought a Grexit was the best solution for Greece; Timothy Geithner’s memoir says Schauble was advocating it in 2012.
[...]
As terrible as this punitive “rescue” seems, the reason that Tsipras and a large number of MPs are pushing it ahead is that the human cost of a Grexit is even worse. If this deal is like having your arm cut off, a Grexit would be tantamount to having both legs amputated.
 Es stehen noch einige lange Nächte bevor.

Mittwoch, 8. Juli 2015

"Chickenhawk" von Robert Mason


Ein Helikopterpilot erzählt von seinem Dienst in Vietnam, in einer so knappen, direkten und effektiven Sprache, wie es das im Deutschen nur selten gibt. 

Hier zum Beispiel der vollständige Prolog: 
I joined the army in 1964 to be a helicopter pilot. I knew at the time that I could theoretically be sent to a war, but I was ignorant enough to trust it would be a national emergency if I did go.
      I knew nothing of Vietnam or its history. I did not know that the French had taken Vietnam, after twenty years of trying, in 1887. I did not know that our country had once supported Ho Chi Minh against the Japanese during the Second World War. I did not know that after the war the country that thought it was finally free of colonialism was handed back to the French by occupying British forces with the consent of the Americans. I did not know that Ho Chi Minh then began fighting to drive the French out again, an effort that lasted from 1946 until the fall of the French at Dien Bien Phu, in 1954. I did not know that free elections scheduled by the Geneva Conference for 1956 were blocked because it was known that Ho Chi Minh would win. I did not know that our government backed an oppressive and corrupt leader, Ngo Dinh Diem, and later participated in his overthrow and his death, in 1963.
      I did not know any of these facts. But the people who decided to have the war did.
     I did know that I wanted to fly. And there was nothing I wanted to fly more than helicopters
Kurv vor Ende seiner einjährigen Dienstzeit fängt Mason dann an, den Verstand zu verlieren. Ihn überkommen plötzliche Angstzustände, ihn quält permanente Unruhe und schlafen kann er nur noch mit Beruhigungsmitteln. Gerade die ruhigen Momente werden unerträglich und oft wünscht er sich sofort wieder zurück ins Gefecht. Heute würde man es PTSD nennen. Die Stelle, an der er seine erste, grundlose Panikattacke beschreibt, hat mich sehr beeindruckt. Für den Leser kommt sie genauso überaschend wie für ihn:
While I read, something went wrong with my brain. Something had to be wrong, because instead of lying back with the book on my lap, the book was on the dirt floor and I was reaching for my .45 and saying, "What?"
"What?" I roamed the tent, looking in corners. I looked outside.
"What?" Something was very wrong. I was tense. I was ready. I waited.
A dark head pushed through the flaps. That? As I drew my pistol, I saw it was Staglioni. "Chow," he said, and ducked back outside. He had not seen my gun.
Es ist so unheimlich, wie er im zweiten Satz erst nicht mehr in der ersten Person spricht. Und diese wiederholte, enervierende Frage, "Was?", als sei da jemand mit ihm im Zelt. Das ist so ein perfektes kleines Detail, das man sich wohl kaum ausdenken könnte, welches aber direkt ausdrückt, wie verstört er ist. Ebenso, dass der andere Soldat seine Pistole nicht bemerkt, was die Situation noch klaustrophobischer macht. 

Mir gefällt Robert Masons Buch besser als der andere Klassiker der Vietnam-Autobiografie, "Dispatches" von Michael Herr. Bei Herr - der kein Soldat, sondern Korrespondent für Esquire war - merkt man immer, dass er unmöglich über so ein gutes Thema wie den Vietnamkrieg schreiben könnte, ohne voll und Ganz und für immer unter Beweis zu stellen, was für ein guter, interessanter Schriftsteller er ist. Das ist wie viele dieser etwas wahnsinnigen, aufgedrehten Sixties-Bücher zwar oft seeeehr gut, altert aber auch schlecht. Außerdem hat Mason den Vorteil, dass er, weil er künstlerisch oder intellektuell nichts beweisen will, einfach wahrheitsgemäß seine Sicht des Krieges schilert. Sein Buch besteht also zu 50% aus Beschreibungen komplizierter Flugmanöver, unter Beschuss im vietnamesischen Dschungel, welche laufend Anlass bieten, seine überragenden Fähigkeiten als Pilot anzudeuten, auf die er sehr stolz ist. Auch das Essen (reconstitued scrambled eggs - aus der Dose!) oder die vietnamesischen oder chinesischen Frauen nehmen großen Platz ein. Das Grauen besteht darin, dass der Krieg und das Töten einfach jeden Tag, jede Minute weiter gehen - und mit den amerikanischen Soldaten persönlich eigentlich rein gar nichts zu tun haben.

So ehrlich er auch ist, eine große Aussparung gibt es in Masons Buch: Er verschweigt die Drogen. Vielleicht hatte das aber auch schlicht persönliche Gründe. Nachdem er wegen seiner psychischen Probleme erst aus der Army ausscheiden musste, dann nicht mehr als Pilot arbeiten konnte und schließlich die 70er damit verbrachte unglücklich und trinkend von Job zu Job zu wechseln, entschloss sich Robert Mason Anfang der 80er endlich dazu, das Buch über Vietnam zu schreiben. Seine Frau und er hielten sich als Zeitungsträger über dem Wasser und man kann es ihm kaum vorhalten, dass er auch auf illegale Weise versuchte, an Geld zu kommen. Das beschreibt er auch selbst im Epilog des Buches ... von wikipedia:
In 1981, Mason was arrested for smuggling marijuana on a boat from Colombia.[3] A month later his agent sold Chickenhawk to Viking Penguin based on the one third of the book Mason had delivered. Mason didn't tell anyone of his arrest, including his agent and his editor, until they finished the rest of the book and read the last page.[4]

Dienstag, 30. Juni 2015

The President Agrees with Me!

In einem kurzen Artikel für Migazin schrieb ich:
Es ist eine historische Wahrheit, die von vielen US-Amerikanern immer noch geleugnet wird, dass die Privilegien der weißen Mehrheit durch offene Terrorakte gefestigt wurden, gerade nach Abschaffung der Sklaverei und auch nach Abschaffung der Rassentrennung. Ob legal oder illegal, ob in Form eines Lnychmobs oder als „Polizeigewalt“, Terror und Gewaltverbrechen waren niemals nur Ausdruck eines irrationalen, persönlichen Hasses, sondern Teil einer politischen Strategie des Machterhaltes und der Einschüchterung. Es ist dieses Erbe, dass Dylann Roof bewusst antrat und das unter den Teppich gekehrt wird, wenn man seine Tat als Produkt einer kranken Psyche zu erklären versucht.
 Wenige Tage später sprach dann Barack Obama bei der Trauerfeier:
We do not know whether the killer of Reverend Pinckney and eight others knew all of this history, but he surely sensed the meaning of his violent act. It was an act that drew on a long history of bombs and arson and shots fired at churches, not random but as a means of control, a way to terrorize and oppress…

(APPLAUSE)

… an act that he imagined would incite fear and recrimination, violence and suspicion, an act that he presumed would deepen divisions that trace back to our nation’s original sin.

Oh, but God works in mysterious ways.
Und am besten sagt es Jeb Lund, a.k.a Mobute a.k.a Mobutu Sese Seko:
Most of all, do not under any circumstances politicize this moment, because you might risk discovering how much it could echo 50 years of the violently anti-government racialized rhetoric of a Republican Party piggybacking on 150 years of Southern white resentment. Because that would mean at least two weeks of everyone laboriously having to explain to you what a horrible, misleadingly coincidental thing Dylann Roof's alleged acts were. You'll want that explanation to seem fresh when the next coincidence happens. And the next. And the next.